Martin Kreutner arbeitet in der Provinz, versinkt aber täglich in der Welt der Diplomatie. Vier mannshohe Glasvitrinen hat er mit übergroßen Medaillen, dick geprägten Metallplaketten, lackierten Holztafeln, bemalten Gipsabdrücken und Statuetten vollgestellt. Kreutner kneift die Augen zusammen. "Ein Gastgeschenk aus einem östlichen Mitgliedsland", sagt er und zeigt auf ein goldenes Wappenschild mit breiten Buchstaben in Kyrillisch.

Die Polizeischule Wiesbaden ist vertreten, eine Truppe aus China, eine andere aus Taiwan, aus Indien oder aus Indonesien: Souvenirs aus aller Welt. Unzählige Delegationen sind in den vergangenen zwei Jahren die zehn Minuten vom Flughafen Wien-Schwechat nach Süden, in die kleine niederösterreichische Gemeinde Laxenburg gefahren. Ein paar Hundert Meter von Rathaus und Kirche entfernt hat die Republik ein ursprünglich fürstliches Palais herausputzen lassen. "International Anti-Corruption Academy" steht nun in goldenen Lettern unter dem Dachstuhl. Martin Kreutner ist hier der Chef. Am 16. Februar öffnen sich für 25 internationale Studenten die frisch gestrichenen Seminarräume für den ersten postgradualen "Master in Anti-Corruption Studies".

Ausgerechnet in Österreich, wo seit Jahren ein politischer Skandal den nächsten jagt, ist ein Prestigeprojekt in Sachen Korruptionsbekämpfung entstanden. Erst vor ein paar Wochen wurde mit Ernst Strasser sogar ein ehemaliger ÖVP-Innenminister wegen Bestechlichkeit in erster Instanz zu vier Jahren unbedingter Haft verurteilt. Ausgerechnet hier trommelt die neue Akademie IACA Staatsanwälte, Richter, Journalisten, Polizisten oder Politikwissenschafter zum Korruptionshalali zusammen. An der Höhe der Budgets wird man ablesen können, wie ernst es der Staatengemeinschaft damit wirklich ist.

"Es war ungewöhnlich, dass gerade Österreich so etwas macht", sagt der Politologe und Korruptionsexperte Hubert Sickinger. "Zuvor waren wir nicht immer ganz vorne dabei, wenn es international um Korruptionsbekämpfung ging." Die Idee zu der Kaderschmiede für weiße Westen entstand bereits 2005 in einer kleinen Arbeitsgruppe der Polizeiorganisation Interpol, die sich am Rande eines UN-Gipfels in Bangkok traf. Mit dabei: Martin Kreutner, damals als Leiter des Büros für interne Angelegenheiten (BIA) ein Korruptionsbekämpfer innerhalb des Innenministeriums. Zurück in Wien, ging er schnurstracks zur damaligen Hausherrin Liese Prokop (ÖVP) und erzählte ihr von der geplanten Akademie für Korruptionsjäger. "Kreutner, mach", soll die nur gesagt haben.

Sieben Jahre lang strudelte der spätere Akademieleiter sich ab, überzeugte in ganz Europa Beamte und Minister, holte Diplomaten ins Boot. "Kreutner war die treibende Kraft", meint Sickinger. "Es geht hier nicht um mich", sagt Martin Kreutner, wenn er nach seiner Rolle gefragt wird. In Anzug und Krawatte führt er durch den Prachtbau. Zwölf Millionen Euro haben das Land Niederösterreich und das Innenministerium hingeblättert, um das Palais Kaunitz in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Die Akademie mietet es um einen symbolischen Euro im Jahr. Ein durchaus übliches Geschenk, wenn man eine internationale Institution ins Land holen will.

Kreutner bleibt vor einem Glassturz stehen. Darin glänzt ein goldener Schlüssel. Den hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bei der Gründungskonferenz im Jahr 2010 übergeben. Seither ist das Gebäude bis zum weiß lackierten Metallzaun vor dem Gehsteig, analog zu einer Botschaft, nicht mehr österreichisches Hoheitsgebiet. Die Polizei darf hier nur herein, wenn Kreutner es ihr erlaubt. "Das ist hier keine rein österreichische Sache", sagt der Tiroler. Er wird es an diesem Tag noch öfter sagen. Er weiß, dass die IACA vor zwei Jahren auf typisch österreichische Weise Schlagzeilen machte. Denn als eine der ersten Mitarbeiterinnen hatte das von der ÖVP geführte Justizministerium die kurz zuvor unter öffentlichen Schmähungen ausrangierte Justizministerin Claudia Bandion-Ortner entsandt. Ausgerechnet. "Als Leiter der Akademie ist das für mich eine weitere Arbeitskraft, die von einem Mitgliedsstaat bezahlt wurde", sagt Kreutner. "Sie konnte als ehemalige Justizministerin viele wertvolle Kontakte einbringen." Bandion-Ortner blieb knapp ein Jahr, dann machte sie das Außenministerium zur stellvertretenden Leiterin des Interreligiösen Dialogzentrums in Wien, für das der saudische König Abdullah viel Geld ausgeben will.

Korruptionsbekämpfung ist sexy

Martin Kreutner hält sich mit solchen Geschichten nicht auf. Der studierte Jurist hat sein Herzblut in die Akademie gesteckt. Zuvor hatte er neun Jahre lang als Polizist innerhalb der Staatsorgane gegen Korruption gekämpft. Als Chef des BIA ermittelte er in einigen aufsehenerregenden Fällen, etwa in der Affäre um den ehemaligen Wiener Polizeigeneral Roland Horngacher oder in dem Skandal um die Misshandlung des Asylwerbers Bakary J. durch Polizisten. Schließlich hatte er genug. "Es gibt das Diktum, wonach Antikorruptionsstellen und ihre Mitarbeiter immer dann Probleme bekommen, wenn sie beginnen, erfolgreich zu sein", sagt Kreutner. Ins Detail gehen möchte er aber nicht. Er habe nicht wie ein Don Quijotte als Windmühlenbekämpfer enden wollen, sagte er nach seinem Rücktritt vor zwei Jahren.

Was eine Institution wie die IACA bedeute, lasse sich in zwei Punkten erklären, sagt Hans-Heiner Kühne, Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Universität Trier: "Erstens dass es so ein Zentrum überhaupt gibt. Und zweitens dass das Konzept der Korruptionsbekämpfung nicht nur von Polizei und Staatsanwaltschaft ausgeht." Kühne ist eine Koryphäe und Mitglied des Senior Advisory Boards, einer Art akademischen Aufsichtsrats. Er sagt, man könne nicht nur mit dem Strafgesetzbuch gegen Betrüger, Kriminelle und Korrumpierer vorgehen. Auch Disziplinen wie Soziologie, Ökonomie und Ethnologie werden sich im Lehrplan wiederfinden. "Das ist bisher noch nie der Fall gewesen", sagt Kühne.

Deswegen ist auch Angelika Prokop-Grey nach Laxenburg geflogen. Die Polin leitet die Abteilung für Ethik und Compliance des polnischen Rüstungsunternehmens Bumar Group und besuchte 2011 und 2012 einen der halbwöchigen Kurse an der IACA. "Ich war erstaunt, dass so wenige Menschen etwas derart Professionelles auf die Beine stellen können", sagt die 36-Jährige. Wer einen Kurs besuchen will, muss seine Referenzen für sich sprechen lassen und bezahlen. Staatliche Entsendungen werden ohnehin abgelehnt. Für den Masterlehrgang wird von Februar an in sieben Blöcken à zwölf Tagen zwei Jahre lang gepaukt. Die Studiengebühr beträgt 24.700 Euro. Profis aus aller Welt sollen nicht nur den aktuellen Wissensstand kennenlernen, sondern ein Netzwerk zwischen Ländern und Disziplinen aufziehen. "Das ist wichtig, weil es nicht viele von uns gibt. Besonders in Polen", sagt Prokop-Grey.

Den Mitgliedsvertrag der IACA haben bis heute 61 Länder unterschrieben, 38 auch ratifiziert. "Das ist für eine junge Organisation enorm viel", sagt Kreutner. Auch wenn die meisten Mitglieder im unteren Drittel des Korruptionswahrnehmungsindexes von Transparency International rangieren und von den besten fünf der Liste keiner dabei ist. "Kritische Stimmen behaupten, dass sich westliche Staaten ein bisschen zu sehr auf ihrem Polster ausruhen", sagt Kreutner. "Man kann beobachten, dass in den sogenannten Dritte-Welt-Ländern ein Aufholprozess stattfindet. Korruptionsbekämpfung ist als notwendig und ein bisschen sexy erkannt worden." Wie lange der Hype anhält, wird vom Geld abhängen. Die Akademie finanziert sich über Spenden, das meiste kommt von den Mitgliedern. Zehn Millionen Euro beträgt das Budget 2013. Ein Aufbaubudget, betont Kreutner. Es soll mehr werden, es muss mehr werden. "Wenn man so etwas aufbauen will, klatschen einem alle auf die Schulter. Abgesehen von Österreich tut sich aber finanziell meist sehr wenig", sagt der Linzer Volkswirt und Antikorruptionsexperte Friedrich Schneider, ein Begleiter der Akademie. "Die Finanzierung hängt jetzt vom Verhandlungsgeschick ab, das ist eine große Herausforderung." Die Arbeit könnte so subtil untergraben werden.

Die Fachwelt scheint sich dagegenzustemmen. Kommt eine Kapazität als Vortragender nach Laxenburg, tut er das meist aus Idealismus. Anreise und Hotel werden zwar bezahlt, dazu kommt ein Tagessatz. "Aber der ist lächerlich", sagt Schneider. "Dafür kann man sich eine Leberkässemmel kaufen." Wenn Experten wie die Yale-Professorin Susan Rose-Ackerman oder der schwedische Politologe Bo Rothstein einfliegen, wertet Schneider das als Signal: "Man sieht, wie gut die Fachwelt reagiert hat. Die Akademie ist absolut einzigartig."

Langsam senkt sich die Sonne über die Dächer des Palais. Dass die Akademie hier steht, ist für Martin Kreutner nur logisch. Das United Nations Office on Drugs und Crime (Undoc) sitzt im nahen Wien, die UN-Konvention gegen Korruption wurde hier ausverhandelt. "Wir wollten in Laxenburg eine Campusatmosphäre schaffen, das wäre in einer Großstadt schwerer gewesen", sagt er. Das Land Niederösterreich machte am Ende das Rennen um den Standort. Die Schwestern eines angrenzenden Klosters räumten das Palais und bekamen im Gegenzug Geld für Renovierungsarbeiten. "Die Akademie ist ein weiterer Schritt, um unseren Ort voranzubringen", sagt ÖVP-Bürgermeister Robert Dienst. Bald soll das erste Hotel gebaut werden. Bislang pilgern die Wiener nur für Spaziergänge im Park des kaiserlichen Sommersitzes gen Süden. Wer die Laxenburger selbst nach der Akademie fragt, erntet meist ein Schulterzucken. "Die hätten lieber den Campingplatz retten sollen", sagt die Trafikantin gegenüber der Bushaltestelle. "Nach dem fragen heute noch Leute aus aller Welt."