Stilvoll verzweifelt – Seite 1

Man muss wohl von Burn-out sprechen, finales Stadium. Lauter ausgebrannte Gestalten, ausgedörrt, ausgemergelt, Menschen ohne Kraft, alles Leben entwichen. Trotzdem stehen sie, halten sich aufrecht. Es ist ein Durchstehen. Sie dürfen nicht weichen, dürfen nicht zu Staub zerfallen, sie werden noch gebraucht. Man liebt sie als Fetische, viel bestaunt, für Unsummen gehandelt. Man begehrt sie, diese eigentümlich hageren Skulpturen des Alberto Giacometti, lauter schattenhafte Menschen, tot und doch nicht gestorben. Wo immer sie zu sehen sind, drängeln sich die Besucher.

Gefragt, warum Giacometti (1901 bis 1966) denn nach all den Jahren immer noch aktuell sei, antwortet der Bildhauer Thomas Schütte, Jahrgang 1954: "Er hatte immer Zweifel. Das macht sein Werk aus, bis heute." Giacometti, der große Grübler und Gründler, stets auf der Suche und mit sich selber ringend. Er sei nicht zufrieden mit seiner Kunst, das hat er oft bekundet. Und oft zerstörte er Figuren, die eben erst entstanden waren. In seinen Augen hatte so gut wie nichts Bestand. Dass seine Kunst heute als ewig gilt, als unantastbar, dass auch seine Person kultisch verehrt wird – Giacometti wäre es gewiss seltsam vorgekommen.

Wie kann es sein, dass er, ein Meister des Zweifels, so wenig bezweifelt wird?

Irgendwo läuft immer eine Retrospektive und rühmt seine Werke, in Hamburg sind es jetzt sogar zwei auf einmal. Je mehr Giacomettis Werke gezeigt werden, desto größer scheint das Interesse zu sein. Man könnte meinen, es stimme tatsächlich, was viele behaupten: Giacometti sei der wichtigste Bildhauer des 20. Jahrhunderts. Doch wird kaum einer so sehr überschätzt wie er.

Er war nicht das Genie, das viele in ihm sehen. Kein Künstler, der das Sehen und den Raum und die Kunst neu erfand. Keiner, der den Ort des Menschen einzigartig zu bestimmen wusste, weil er mit den Konventionen brach und nur sich selber treu blieb. Das alles ist Mythos, von berühmten Fotografen und existentialistischen Denkern erfunden.

In Wahrheit wird wohl kaum jemand behaupten, dass die Kunstgeschichte ohne Giacometti anders verlaufen wäre. Er war kein Stürmer und Dränger, kein Regelbrecher und Wahrnehmungszertrümmerer. Anfangs, ja, experimentierte er noch, erprobte abstrakte Formen, und seine Kunst lebte von spielerischem Witz – nicht zufällig erkannten ihn die Surrealisten als einen der ihren. Doch nicht lange, da zog er sich zurück, und es begann eine Geschichte der Ausdünnung, in mehrfacher Hinsicht.

Die Vielfalt seiner Kunst kam Giacometti abhanden, sein Humor, seine Leichtfertigkeit. Die Lust an der Farbe, am freien Spiel, alles perdu. Giacometti verlegte sich auf jene Figuren – mal winzig, mal größer, in jedem Falle sterbensmager –, für die er heute in aller Welt bekannt ist. Künstlerisch gesehen ein Rückfall ins Konventionelle.

Giacomettis Menschen stecken fest, sie kleben an ihren Sockeln, versinken in ihnen

Marcel Duchamp hatte bereits Jahrzehnte zuvor mit seinen verwegenen Umdeutungen (ein Flaschentrockner als Skulptur!) begonnen, seitdem neigte sich die Zeit des fleißigen Knetens und Gießens dem Ende zu. Giacometti blieb handwerklich dem 19. Jahrhundert verhaftet, er hatte bei einem Schüler Rodins gelernt. Und selbst wenn man ihm zugesteht, dass er die Wirklichkeit nicht länger auf herkömmliche Weise nachbilden wollte, dass er also die herkömmlich Idee von Bildhauerei überwand, so galt das doch in den vierziger und fünfziger Jahren längst als Selbstverständlichkeit, eingeübt von Kubisten, Futuristen und vielen anderen. Ähnlich war auch Giacomettis Begeisterung für archaische Kunstformen, vor allem für die ägyptischen, nur ererbt.

Sicher, man könnte einwenden, gerade sein Ringen mit der Tradition mache Giacomettis Werk doch aus. Seine handwerklichen Qualitäten, sein genaues Auge, sein Festhalten an der menschlichen Figur! Doch sollte er sich tatsächlich für sein Gegenüber interessiert haben, wie gern behauptet wird, lassen das seine Werke kaum erkennen. Viele Zeichnungen bleiben oberflächliches Gestrichel, seine Skulpturen verzichten meist auf individuellen Ausdruck. Und anders als die alten Meister zeigt Giacometti kein Interesse an der ungeheuren Vielfalt der Posen, Stimmungen, Sujets. Er formt mehr oder weniger immer das Gleiche (was ihm später die Fälscher sehr danken sollten). Ihn interessiert im Grunde nur eines: Vergeblichkeit.

Giacomettis Menschen stecken fest, sie kleben an ihren Sockeln, versinken in ihnen. Und selbst jene, die einen Schritt zu machen wagen, kommen nicht voran. Nicht sie gehen, dafür sind sie viel zu kraftlos. Nein, es geht sie. Ausgelieferte Menschen, beziehungslos, von Sinnlosigkeit ermattet.

Man sieht es nicht ungern. Man betrachtet diese Figur, wie man ein zerfurchtes Gesicht betrachtet. Gleichwohl erweist sich diese Zerfurchtheit als ungemein dekorativ, bestens geeignet für Bankenfoyers und die Wohnzimmer der Großsammler. Hier schmückt man sich mit der Ernsthaftigkeit dieser Kunst, ihrer Existenzialität. Weil sie aber kein anderes Thema kennt, weil sie sich ganz darauf beschränkt, ihre eigene Abgründigkeit zur Schau zu stellen, bleibt von ihr selten mehr als ein ferner Schauder. Giacometti macht aus dem Jammer einen Stil. Er macht aus Elend und Tod handliche Markenware. Idole des Zweifels, die wunderbar entlastend wirken.

Denn wo der Mensch nur ein Geworfener ist, immer schon verloren, da braucht es keinen Streit mehr um Gerechtigkeit und ähnlich weltliche Dinge. Giacometti hat sich eingerichtet in der Vergeblichkeit, hier kennt das Leid keine Ursache, die Klage hat keinen Adressaten. So darf man sich im Angesicht dieser Skulpturen ergriffen fühlen, auf folgenlose Weise. Es ist eine Kunst, die ruhigstellt – die Skulpturen und ihre Betrachter. Und diese Ruhe lässt uns zweifeln. An Giacometti.

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