Für die ganz harten Fälle: Rechtsanwalt Uwe Krechel ist Mördermann. Der Verlag droht: "Das Unfassbare ist bei ihm der Normalfall", und tatsächlich geht es unfassbar zu bei Mördermanns Einsätzen. Schnell raucht er eine Selbstgedrehte. Draußen fahndet derweil die Polizei, wie immer fieberhaft, nach einem Würger namens Arno. Mördermann übernimmt den Fall. Er steht im Sauerland im Stau, aber er kommt durch. Halt aus, Arno!

Mord oder Totschlag gehören zu den ersten Straftatbeständen, die Jurastudenten kennenlernen. Der Täter heißt in Übungsfällen heute immer: T., das Mordopfer: O. – immerhin. Früher hießen sie Willi Stramm und Frieda Lüstlein. Aus dieser lustigen Zeit schöpfen Autoren auch heute noch gern die Namen ihrer Protagonisten, wenn es ans Zwischenmenschliche geht. In dem Werk Leben gegen Leben. Authentische Kriminalfälle des Staatsanwalts a. D. Walter Dietz aus Kassel trägt eine Geschichte den Titel: Im Netz einer Nymphomanin. Die Personen heißen Willi und Lilo. Willi ist ein Muttersöhnchen, Lilo eine Schlampe, die, "obgleich im Fernsehen ein spannender Tatort läuft", in durchsichtiger Nachtwäsche herumliegt, sodass der überforderte Willi ihr Kind und sodann Lilo tötet. Das Kochmesser legt er zurück: "Ob er daran dachte, es später wieder für die Küchenarbeit zu benutzen, wusste er später selbst nicht mehr", vermerkt der Autor. Wir wissen es auch nicht.

Der Jurastudent und Referendar lernt nichts über echte Mörder. Bei seiner Ausbildung geht es um das Einüben jener deduktiven Denk- und Sprechweise, die ab Bestehen des Staatsexamens als ewiger Abgrund zwischen ihm und dem unsystematisch einzelfallverhafteten, ahnungslosen Rest der Gesellschaft gähnt. Danach ist er, von einem Tag zum nächsten, Staatsanwalt oder Richter. Er kauft sich eine schwarze Robe, mit Samtbesatz. Dann beantragt oder verhängt er die erste Freiheitsstrafe.

Bis ein deutscher Richter auf einen Mörder trifft, muss er es ins Schwurgericht schaffen. Das ist eine Strafkammer (drei Berufsrichter, zwei Schöffen) für Tötungsdelikte, nicht weiser als alle anderen, aber irgendwie gewichtiger, denn hier geht es um letzte Dinge. Das ziemlich schlichte Niveau der zu klärenden Fragen (Opfer tot oder nicht tot? Motiv der Tat? Vorsatz oder nicht? Notwehr oder nicht? Besoffen oder verrückt?) entspricht nicht der Bedeutsamkeit des Auftritts. Der Vorsitz im Schwurgericht gehört zu den "herausgehobenen" Posten, auch wenn er nicht besser bezahlt wird als andere Vorsitzendenstellen am Landgericht.

Warum wird jemand Richter? Weil es halt so gekommen ist. Weil er im Staatsexamen neun Komma null plus x Punkte von achtzehn hat, nicht genug Französisch kann für den diplomatischen Dienst und nicht in einer Großkanzlei sechs Tage in der Woche vierzehn Stunden arbeiten mag. Weil er in Freizeitkleidung ins Büro gehen darf und respektvoll gegrüßt wird von Rechtsanwälten, die fünfmal mehr verdienen als er selbst, aber kommen müssen, wann er es will, und die ihren Jaguar schön an die Parkuhr zu stellen haben und nicht auf den Behördenparkplatz. Weil er Kinder und Elternzeit kriegen kann. Es gibt auch noch andere Gründe: weil er für Gerechtigkeit sorgen möchte und für Sicherheit; weil er sich um die Leute kümmern möchte und Missstände abschaffen. Aber diese Gründe spielen, wenn ein Richter mit sich allein ist, nicht immer die Hauptrolle.

Und warum schreiben Richter über eigene Strafprozesse? Vielleicht weil es sonst niemand tut, obwohl man es doch verdient hat. Eine innovative Nische hat Amtsrichter a. D. Rüdiger Warnstädt erschlossen, der kurzerhand eigene alte Urteile veröffentlicht: Recht so. 80 originelle Strafurteile von Amtsrichter Rüdiger Warnstädt, gefolgt von Immer wieder Warnstädt. Der Trick funktioniert freilich nur mit langer Vorlaufzeit: Man schreibt, wovon der Fall auch handeln mag, in die Urteilsgründe selbst hinein, was man schon lange einmal sagen wollte – zur Rechtspolitik, zum Leben im Allgemeinen. Das fällt leicht mit Überleitungen wie: "Ein Wort noch zu..."; oder "Ohne Bedeutung war deshalb, dass...". So wird der schlichte Akteninhalt als Bekenntnis und Reality-Soap verkäuflich. Nachteil: Tötungsdelikte kommen im Amtsgericht nicht vor. Dieses Manko kann selbst verschärfter Humor kaum ausgleichen.

Robert Glinski hat es da besser: Angeklagt. Zehn spektakuläre Fälle – als Richter am Schwurgericht. Glinski ist Beisitzer (nicht, wie der Tonfall oft nahelegt, Vorsitzender) einer Schwurgerichtskammer in Magdeburg. In schmerzlichem Maße strapaziert er das Pronomen "Wir". Gern hätte der Leser mehr gewusst über die Erkenntniswege von Wir. Dem steht das richterliche Beratungsgeheimnis entgegen, sodass die ganz persönlichen Wahrheiten des Autors allesamt risikolos "Wir" heißen.

Ach, die Wahrheit! Nehmen wir, zur Vereinfachung, ein fiktives Beispiel: Der Beschuldigte, der mit blutigem Messer wenige Sekunden nach dem Todesschrei seiner Gattin an deren Leiche angetroffen wurde, behauptet, nicht er sei der Täter gewesen, sondern ein zufällig des Wegs kommender Wanderer. Dieser habe blitzschnell, wort- und grundlos das Opfer erstochen, ihm, dem beschuldigten Ehemann, das Tatmesser in die Hand gedrückt und sei dann enteilt. Die meisten würden sagen: Eine Geschichte, die wir nicht glauben mögen. Falsch!, belehrt uns der Richter: Das weiß er, weil er es im schriftlichen Urteil selbst so "festgestellt" hat. Wahr ist, was der Richter geglaubt hat. "Spektakulär" ist unser Fall, denn solche Mörder sind selten. Aber dass es sie gibt, hat der Richter geglaubt; dann muss es ja stimmen. Der warme Hauch der Sensation ist am Ende nichts anderes als das, was der Autor zuvor hineingeblasen hat.