Es stechen, würgen, saufen und schießen sich Wladimir, Björn, Maik und Jana durch 250 Seiten, bis sie zerrieben werden vom Scharfsinn des Richters am Schwurgericht, der vieles "schon beim ersten Lesen der Akte", den Rest aber beim Anblick der Zeugin oder bei deren knallharter Vernehmung durchschaut: "Ich rief sie zum Richtertisch. ›Haben Sie den Dolch schon einmal gesehen?‹ ›Ich habe ihn am Tatort gesehen. Er war in seiner Hand.‹ Sie zeigte auf den Angeklagten. Es war raus, endlich!"

Angeblich, so die Botschaft, kann all dies jedem "ganz normalen Menschen" passieren. Das stimmt nicht. Voraussetzung ist nämlich, er ist ein depravierter Alkoholiker oder ein persönlichkeitsgestörter Kriegsveteran oder ein durchgeknallter Stalker oder "ein durch und durch Krimineller". Dann plumpst er auf den Tisch des Schwurgerichts, und da kommt die Wahrheit ans Licht.

Glinskis Schilderungen enthalten viel Dramaturgie, ebenso eingestreute Erläuterungen zum Schwurgerichtsverfahren: "häufig komplexe Großverfahren" (tatsächlich sind Schwurgerichtsverfahren meist einfach, Großverfahren kommen kaum vor); zum Risikoprofil von Mordopfern: "Alte Frauen sind beliebte Opfer" (tatsächlich sind nur zwölf Prozent der Opfer über 59 Jahre alt, davon die Mehrzahl Männer); zum Gewissen des Richters: "Mit den Folgen eines möglichen Fehlurteils lässt sich in Fällen mit geringem Strafmaß viel leichter leben" (eine absurde "Regel").

Was tun mit all diesen authentischen Abgrund-Geschichten? Warum muten sie uns so seltsam unwirklich, so hölzern an – wo sie doch angeblich so "wahr" sind? Das liegt gewiss am oft geringen Schreibtalent der Verfasser. Sie basteln Dialoge, die wie Sand aus den Mündern fallen. Sie können in den Menschen nicht mehr als vier verschiedene Emotionen finden. Wo drei Worte genügten, ringen sie seitenlang um die Motive der Figuren. Wirklichkeit wird Literatur durch Kunst. Die Mörderbücher bieten weder das eine noch das andere. Das ist langweilig und anstrengend.

Es ist aber letztlich nicht dies, was den Rezensenten befremdet. Es ist der Geruch von Gammelfleisch und Denunziation, der über der Szene liegt. Es ist das dreiste Unternehmen, aus dem hoheitlichen Zugriff auf das Schicksal der anderen privaten Gewinn zu wringen, sei es als Geld oder als Einladung zur Talkshow. In keinem der besprochenen Bücher wird dies auch nur ansatzweise adäquat problematisiert. Die eigene Rolle scheint festgelegt und ist doch seltsam unscharf: Pflichterfüller, Wahrheitssucher, Herr der Wirklichkeit, Geschichtenerzähler, Allesversteher, Vollstrecker. All diese Rollen stützen sich im Kreis aufeinander, wie die Schäfchen im Nachtprogramm von Arte. Deshalb sind sie noch lange nicht wahr.

Ich bin sicher, dass keiner der Autoren eine der Figuren seiner Kunst um Erlaubnis gefragt oder ihr 80 Prozent des Autorenhonorars überwiesen hat. Denn selbstverständlich sind "Namen verfremdet" und Orte umbenannt, sodass niemand Ansprüche geltend machen kann auf Teilhabe an der "authentischen" Ausschlachtung seines Lebens oder diese gar verhindern kann.

Etwas mehr als 2.000 Gefangene in Deutschland verbüßen zurzeit lebenslange Freiheitsstrafen, ihre durchschnittliche Haftzeit liegt bei 20 Jahren. Es gibt eine Vielzahl von Problemen in diesem Zusammenhang. Die Mörder-Geschichten klären nicht eines. Die Drecksäcke ebenso wie die armen Schweine, die wir geschnappt und begutachtet und verurteilt haben, sitzen im Hochsicherheitsknast oder in der Psychiatrie oder in der Sicherungsverwahrung, oder sie sind tot. Man könnte sie in Ruhe lassen. Oder sich für sie interessieren. Denn der nächste Abgrund liegt ja ganz nah: Falls sie jemals freikommen, stehen authentische Bürger vorm Haus, mit Schildern: Hau ab, Du Sau!

Man könnte auch sagen, dass Richter, Staatsanwälte, Verteidiger, Kriminalbeamte, Psychiater, die aus ihren eigenen Fällen Geld und Ruhm quetschen, auch die Opfer dieser Fälle – wer auch immer sie waren – noch einmal erniedrigen. Und dass dies ein zu hoher Preis ist für so wenig.