Annäherungen an Y.O. – Seite 1

Sobald ich an Yoko Ono denke, überkommt mich eine Woge der Scham. Wie habe ich sie verabscheut. Wie haben wir sie geschmäht, die Frau, die John Lennon liebte. Verleumdet! Haariges, hässliches, schlitzäugiges Tierchen!

So böse dachte man damals. Wenn man Yoko Ono heute sieht, etwa letztes Frühjahr in Wien, wo sie auf die Bühne des Gartenkinos stakst, schwarzer Hosenanzug, Arme abgespreizt, tief dekolletiert bis zum knittrigen Brustansatz, das schwarze Hütchen schräg gesetzt, und den Kokoschka-Preis für ihr Lebenswerk entgegennimmt, da wirkt sie – kokett. Manchmal wirkt sie lustig, wie im Sommer, als sie in London ihr globales Happening ankündigte, #smilesfilm, Schickt mir Bilder von Lächelnden!, diesmal unter Strohhütchen.

Oder neulich in New York, als die Anthology Film Archives eine private Vorführung ihrer legendären Fluxus-Filme gaben, in denen Fliegen über einen Frauenkörper spazieren (Fly) oder nackte Hintern 5 Minuten, 30 Sekunden lang aufmarschierten (Film Nr. 4, um ca. 5 Stunden gekürzt), und Yoko Ono am Ende der Vorführung aus der Kulisse trat, wieder in Schwarz, mit scheuem Lächeln unter der riesigen Sonnenbrille, da wirkte sie so winzig, dass man den Arm um sie legen wollte. Unangemessene Reaktion natürlich. Yoko Ono braucht nicht unseren Schutz, noch nicht einmal unsere stammelnde Entschuldigung. Sie hat alle Schmähungen überlebt, die jahrelange Missachtung ihrer Avantgardekunst, den Hass wegen John, seinen Tod, sie ist eine der letzten Künstler der Fluxus-Bewegung. Die Schirn in Frankfurt zeigt von nächstem Monat an ihr Lebenswerk.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild © Yoko Ono

Versuch, etwas über das Leben von Yoko Ono zu erzählen. Man lässt ihr gerne den Vortritt. Yoko Ono, deren Name "Meereskind" bedeutet und die seit ihrer Kindheit dichtete, hat auch ein Gedicht über sich geschrieben: 

Geboren: im Jahr des Vogels.

Frühe Kindheit: sammelte Himmel.

Jugend: sammelte Seegras.

Spätere Jugend: gebar eine Grapefruit, sammelte Schnecken, Wolken, weggeworfene Dosen, etc. Viele Schulabschlüsse in diesen Fächern

Feststellung: Leute haben Teile von mir abgeschnitten die sie nicht mochten bis nur noch ein Stein von mir übrig war der ich war aber sie hatten noch nicht genug und wollten wissen wie es sich anfühlt ein Stein zu sein. Y.O,

PS. Wenn die Schmetterlinge im Bauch sterben, schick Deinen Freunden gelbe Todesanzeigen.

(aus: Biographie/Feststellung; 1966).

Zu vage? Also Fakten: geboren 1933 als Tochter einer Familie der Tokioer Oberschicht, aufgewachsen zwischen Japan und Amerika. Studium von Gesang und Philosophie. 1956 Heirat mit dem Musiker Toshi Ichiyanagi, Schüler von John Cage. Performances, Filme, Installationen, Konzerte. Impulsgeberin der Fluxus-Gruppe um George Maciunas, Fluxus wie fließend zwischen Kunst, Leben, Gaga, Haiku und Spaß. 1963 Geburt der Tochter Kyoko. 1964 Grapefruit, Sammlung von Instruktionen für die Anfertigung von Kunstwerken. 1969 Heirat mit John Lennon, 1975 Geburt von Sohn Sean. 1980 verwitwet. Friedensaktivistin. Letzte Aktion Herbst 2012, Protest gegen Fracking (Erdgasgewinnung durch Gesteinsbohrungen). Auf großen Tafeln erklären Yoko Ono und Sean in Manhattan: Tell Governor Coumo: Don’t Frack New York! Win Lunch with Yoko&Sean and get your video on TV! Join now!

Will man das Leben von Yoko Ono erzählen, könnte man sich auf Momente konzentrieren, die diesem Leben eine Färbung gaben. Der Moment, in dem ein Mädchen namens Yoko, allein zurückgelassen, als die Eltern ausgehen, ihrer zurückkehrenden Mutter entgegenläuft, weinend vor Verzweiflung und Glück, und die schöne Mama das Kind auf Armeslänge von sich abhält, damit die Tränen keine Flecken auf ihrem Kleid hinterlassen.

Man steht vor dem Dakota und wartet darauf, zu Yoko Ono vorgelassen zu werden

Noch eine Kinderszene. Mädchen am Klavier. Der Vater steht daneben, ihr so oft abwesender Vater, den sie überhaupt erst im Alter von drei Jahren kennenlernte und der wie sie jetzt einmal Pianist werden wollte, dann aber auf Wunsch der Familie in die Bank des Großvaters einstieg, nun ist er da. Er vermisst die Spanne ihrer Hände. Sie wird keine Pianistin. Aber sie wird eine Stimmvirtuosin. Sie, die in der Schule jede Note in einen Ton und jeden Ton in eine Note verwandeln kann, hat Jahrzehnte später ihr Atmen, Seufzen, Zirpen, Kreischen, Flüstern zu einem Soundtrack der Moderne gemacht.

Noch einer dieser Momente: Cutting Piece, Performance, Kyoto 1958. Yoko Ono sitzt im schwarzen Kleid auf der Bühne, die Beine nach links gefaltet, sie bittet die Zuschauer, mit einer Schere etwas von ihrem Kleid abzuschneiden. Junge Männer, auch mal eine Frau, nähern sich. Schnipp, schnapp. Bleiche Haut tritt zutage, ein weißer BH – dann tut ein Mann den letzten Schnitt, und sie, die alles erduldete, nur ein oder zwei Mal tief durchatmete, sie reißt die Hände hoch, vor die entblößten Brüste.

Ein besonders schöner Augenblick war jener in der Indica Gallery in London, die 1966 Yoko Onos Installationen zeigte, etwa Painting to hammer a nail in, (Leinwand mit Hammer) es ist der 9. November, und ein Rockstar namens John Lennon steigt auf eine weiße Leiter, und oben angekommen, nimmt er die Lupe, mit der das in winzigen Lettern an die Decke geschriebene Wort sichtbar wird, er sieht das Wort: "Yes". Explosives JA zu einem neuen Leben! Und einer rasenden, symbiotischen Liebe, einer künstlerisch und politisch fruchtbaren Ehe! Fünftägiges Bed In im Amsterdamer Hilton Hotel als Hochzeitsreise! Zwei Nackte auf dem Cover der ersten gemeinsamen Platte! Very shocking!

Der Augenblick, 22.50 Uhr am 8. Dezember 1980, als John Lennon in New York vor dem Eingang ihres Hauses erschossen wird.

Oder so: Orte im Leben der Yoko Ono. Das palastähnliche Anwesen in Tokio, in dem ein Kind, mit einem Prinzen spielend, die Überzeugung gewinnen konnte, etwas ganz Besonderes zu sein. Das Dorf, in das Mutter und Kinder fliehen, aus dem 1945 von den Bomben der Amerikaner verwüsteten Tokio, weg von den 100.000 Toten. Wie schnell sich doch alles, was Wert hat, verflüchtigen kann, in Nichts auflöst. Das prägt ihre Kunst. Lightning Piece, ein Film, in dem ein Streichholz brennt und verglüht, eine Meditation über Zeit, Zerstörung, Licht. Half-a-Room (1967), Installation mit Stuhl, Tisch, Lampe, jedes Teil halbiert, der Rest liegt im Kopf des Betrachters. Objekte aus lichtem Plexiglas. Dann eine Kunst, die nur Fantasie ist, nur noch angeregt wird, als Hoffnung, Sehnen, Utopie.

Einer der magischen Orte im Leben von Yoko Ono ist natürlich das graue Haus in der Chambers Street in Manhattan, in dem sie 1956 ein unheizbares Loft mietete und in eine Galerie verwandelte, in der John Cage und Peggy Guggenheim und George Maciunas und Max Ernst sich inspirieren ließen. Das Haus steht heute am Abgrund einer aufgerissenen Straße, die Fenster blind, die Reklame überrostet, es sieht aus, als würde es im Schatten der aufragenden neuen Türme New Yorks dahinwelken, bald könnte es nur noch eine Erinnerung sein. Das würde Yoko Ono gefallen.

Natürlich das Dakota, 1 W, 72nd Street, Manhattan, in das Yoko Ono 1973 mit John Lennon zog, es ist ein für die Ewigkeit gebauter monumentaler Komplex aus Türmchen und Zinnen.

Man steht vor dem Dakota, und es reicht nicht, den Kopf in den Nacken zu legen, um die Fenster ganz oben zu sehen, hinter denen Yoko Ono nun alleine wohnt, man müsste schon die Straße überqueren, zum Eingang des Central Park, wo die Verkaufsstände mit den vielen Lennon-Buttons warten, "Imagine nothing to kill or die for" und "War is Over if you want it". Man steht vor dem Dakota und wartet darauf, zu Yoko Ono vorgelassen zu werden. Man hat ein Jahr darauf gewartet, dass es zu diesem Warten vor dem Dakota kommt. Die Aussicht, mit Yoko Ono sprechen zu können, wurde in Aussicht gestellt und abgesagt und neu eröffnet. Wir sind eine Viertelstunde zu früh und müssen draußen warten. Drachen beißen in die Eisengitter am Haus. Männer in Livree bewachen das schmiedeeiserne Tor. Imagine, es sei ein warmer Sommermorgen und in deiner Hand ein großer Becher heißer Kaffee. Dann öffnet sich das Tor.

Der Lift, eine Antiquität aus Mahagoni und Messing, zittert nach oben. Ein Flur mit identischen Türen. Hier haben schon Lauren Bacall und Judy Garland gewohnt. Dann steht man in einer hellen Zimmerlandschaft. Ein süßer Duft, Orchideen überall. Cremefarbene Sofas, Johns weißer Flügel, selbst das aus den Fenstern hereinfließende Licht des Morgens bemüht sich, weißgrau zu sein. Am Fenster hockt eine schmale Katze aus grauem Stein und starrt über die Wipfel des Central Park.

"Meine Reichweite ist unglaublich"

Wir laufen durch einen Gang, man blickt in Zimmer, aus denen John von großen Bildern zurückblickt. Die riesige Küche. Da sitzt Yoko Ono, wie ein Kind, am Ende eines langen Tisches, dessen Platte mit Hunderten bunter Kieseln geschmückt ist. Yoko Ono trägt eine schwarze Strickjacke, der Reißverschluss ist hochgezogen. Ein Hauch von lilarotem Lidschatten, passend zu den lilaroten Lichtern auf ihrem schwarzen Haar.

DIE ZEIT: Gestern habe ich Cut Piece gesehen, wie ergeben die Frau es erträgt, dass man ihr das Kleid vom Körper schneidet. Was empfinden Sie, wenn Sie heute diese junge Frau sehen?

Yoko Ono : Na ja, ich bin sie.

ZEIT: Sie vor 40 Jahren. Die Menschen nahmen also die Schere – wie haben Sie es ertragen?

Ono: Ich habe meditiert. In der Meditation leert sich der Geist. Die Idee zu der Performance kam natürlich aus meinem Erleben des Frauseins.

ZEIT: Der Feminismus ...

Ono: Oh, Feminismus hatte noch gar nicht angefangen!

ZEIT: Im Feminismus ging es um Protest gegen Rollenzuweisungen. Hier aber eröffnet die Frau selber einen Raum für Aggression gegen sich.

Ono: Warum auch nicht, genau das passiert doch die ganze Zeit. (lacht)

ZEIT: Hatten Sie Angst, es könnte zu weit gehen?

Ono: Wenn ich daran gedacht hätte, gäbe es diese Performance nicht.

ZEIT: Ich hörte von einer Frau, die Ihrer Aufforderung, das Kleid zu zerschneiden, folgen wollte – und es nicht konnte.

Ono: Wie süß ist das!

So also sprechen wir, über das Frausein, und den Schock, den Nacktheit in den prüden fünfziger Jahren auslöste, sie ruft mit ihrer Kinderstime: "Oh ja! Oh ja!" Wir plaudern über Mode, nackte Hintern (Bottoms), darüber, wie selten die Mode Männer entblößt, und sie klingelt nach der Assistentin, um mir Entwürfe für Männermode zu zeigen, die sie John zur Hochzeit schenkte – "So sexy!", lacht sie – und die bald als Buch erscheinen. Die Rede ist von Gucklöchern im Hosenboden. Wir sprechen über Pornografie und wie sie in Fly einen nackten Körper zeigt, ohne einem pornografischen Gestus zu folgen, die Kamera zeigt nur Fragmente einer Körperlandschaft, so dass man versuchen muss, diese Fragmente im Kopf zu einer Gestalt zusammenzusetzen, man könne denken, lacht sie, es wäre ein Schwein! Bis, endlich, am Schluss, der ganze Körper sichtbar wird. "Und dann wird ihnen klar – mein Gott, es ist wirklich eine Frau!", ruft Yoko Ono.

ZEIT: Der Soundtrack zu Fly ist ein Seufzen und Stöhnen und Wimmern, wie das Flattern unbestimmter Emotionen. Woher kommen diese Töne?

Ono: Sie kommen einfach durch mich, sozusagen von oben. Dafür bin ich dankbar.

ZEIT: Sie sind eine ausgebildete Sängerin.

Ono: Ja. Ich habe deutsche Lieder gesungen – Sopran und Mezzosopran und Alt. Meine Reichweite ist unglaublich. Ich übe jeden Tag, für mein neues Album: OOOOOooooaaaaaaaAAAAA. Jemand hat mir mal gesagt, es gäbe in Spanien eine Tradition, während eines Tanzes so zu schreien. Natürlich fließt auch die Tradition des Kabukitheaters mit ein, auch Nō-Theater. Aber ich glaube, das wurde einfach Teil von mir, ohne dass ich es bemerkte.

ZEIT: Ihre Stimme macht Laute, ohne Inhalte. Sie wirken wie Tierlaute. Woher kommt das?

Ono: Tiere schreien durch mich, ja, so ist es.

Was bliebe darauf zu sagen? Die Zeit ist sowieso um. Schon steht man wieder zu Füßen des Dakota und überquert die Straße in den Park, wo sich die Strawberry Fields erstrecken, die Yoko Ono zum Gedenken an John pflanzen ließ, mit Bäumen aus aller Welt. Eine Frau rutscht auf Knien zwischen Büschen herum. Ich frage sie, was sie tut, und sie sagt, sie sammele Blätter. Sie steckt die verschrumpelten braunen Dinger in eine Plastikdose, als sei ihr aus dem Dakota eine Instruktion zugeflogen. Für "Laughter Piece" oder so.