Die Aktienscheu der Deutschen ist zum Teil ein Ergebnis schmerzlicher Erfahrungen. Das Debakel der Deutschen Telekom, deren Aktien der Staat teils zu überhöhten Kursen an die Bürger verkaufte, hat viele Anleger verunsichert. Auch der Absturz der Kurse nach dem Abklingen der Internet-Euphorie nach der Jahrtausendwende hat viele vertrieben.

Die Aktie hat heute so gut wie keine öffentlichen Fürsprecher in Deutschland. Hingegen gehört es schon fast zum guten Ton, zu sagen, man besitze keine. Spekulation ist des Teufels, man zockt nicht. Das Meinungsklima bestimmen Politiker wie Sahra Wagenknecht, die ihre Aktienabneigung damit begründete, dass sie "nicht davon profitieren" wolle, "dass Löhne sinken oder Leute entlassen werden", wie sie in einem Interview der Welt am Sonntag erläuterte – ganz so als bestehe das Unternehmensziel von Firmen wie Volkswagen, BMW oder Siemens in Arbeitsplatzabbau, Lohnsenkung und Schrumpfung.

Das Bild von den Unternehmen als Ausbeutungsanstalten ist aber ebenso falsch wie das von der Börse als Kasino. Wie sicher eine Anlage in Aktien ist, das lässt sich für die Vergangenheit für den Dax ziemlich genau sagen. Bis auf einige wenige Zeiträume waren die Renditen positiv, wie eine Übersicht des Deutschen Aktieninstituts zeigt. Wer Anfang 1960 gekauft hat und die Papiere noch heute hat, der hat im Durchschnitt eine Rendite von 6,6 Prozent erzielt – in jedem der 53 Jahre. Wer 1980 kaufte, kommt sogar auf ein Plus von 9,3 Prozent jährlich. Von 1990 bis heute war eine Rendite von immerhin 6,5 Prozent per annum drin. Selbst wer auf dem Höhepunkt des Internet-Hypes zur Jahrtausendwende an die Börse kam und dann zusehen musste, wie die Kurse in den Keller fielen, hat sein Kapital immerhin erhalten können, wenn er sich nicht ins Bockshorn jagen ließ.

Es brauchte schon viel Pech beim Einstieg und Ausstieg, um mit Dax-Papieren Geld zu verlieren. Wer zum Beispiel Anfang 2000 kaufte und Ende 2011 die Aktien wieder zu Geld machte, der hat ein Minus von 1,4 Prozent pro Jahr gemacht. Von 1998 bis Ende 2002 verlor man sogar 7,4 Prozent des Kapitals pro Jahr – aber dann ging es wieder aufwärts.

Gewiss, das Auf und Ab an den Börsen ist nichts für schwache Nerven. Wer sich aber von Horrorjahren wie 1987 (minus 36 Prozent), 2002 (minus 44 Prozent) oder 2008 (minus 40 Prozent) nicht abschrecken ließ und seine Papiere in der Hoffnung auf bessere Zeiten behalten hat, der hat mit einer breit gestreuten Anlage in deutschen Standardwerten zumeist überdurchschnittliche Renditen erzielen können. Generell gilt: Je länger ein Anleger seine Aktien hielt, umso sicherer konnte er damit eine hohe jährliche Rendite erzielen.

Weil die Erträge von Aktien auf lange Sicht deutlich besser sind als die von risikoärmeren Anlagen, müssten eigentlich vor allem jüngere Menschen, die für ihr Alter vorsorgen wollen, solche Wertpapiere erwerben. Tatsächlich hat aber ausgerechnet bei Menschen unter 40 das Sicherheitsbedürfnis noch zugenommen, wie der Ökonom Nicolaus Sauter aus der Forschungsabteilung der Allianz 2010 in einer Studie beschrieb. "Ein ausgeprägtes Sicherheitsdenken" werde sich "negativ auf die zukünftige Vermögensentwicklung" auswirken, prophezeite er.

Während Sparbuchsparer und Festgeldanleger von Tag zu Tag ärmer werden, profitieren Aktionäre von Ausschüttungen, bei denen auch nach Abzug von Steuer und Inflation etwas übrig bleibt. Fast 28 Milliarden Euro haben die 30 großen Dax-Konzerne 2012 an Dividenden überwiesen, eine Rendite von im Schnitt vier Prozent.

Nicht nur in den angelsächsischen Staaten, in denen die Börse von jeher eine größere Rolle spielt, haben mehr Menschen als in Deutschland Aktien, auch Niederländer und Dänen halten in größerem Maß Beteiligungen an Firmen.

Um 1900 gab es in Deutschland rund 4.500 Aktiengesellschaften, und der Handel war lebhaft. Heute beläuft sich ihre Zahl auf rund 12.000 – aber weniger als tausend von ihnen sind noch an der Börse notiert und stehen damit Kleinanlegern offen.

Der Niedergang der Aktienkultur in Deutschland lässt sich beispielhaft an der Geschichte von Volkswagen erzählen. Die Automobilfirma wurde in der Nazizeit mithilfe von beschlagnahmtem Gewerkschaftsvermögen gegründet, nach dem Krieg war sie im Besitz des Bundes und des Landes Niedersachsen. 1960 beschloss der Bundestag, den Konzern teilweise zu privatisieren, und zu diesem Zweck wurde VW in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 60 Prozent der Aktien wurden damals an das breite Publikum verkauft. Man sprach von "Volksaktien".

Aus der Idee einer Volksaktiengesellschaft ist aber nichts geworden. Im Gegenteil: Beim größten europäischen Automobilkonzern spielen deutsche Kleinaktionäre heute fast keine Rolle mehr. Das derzeit wohl erfolgreichste Unternehmen des Landes ist zum großen Teil in den Besitz einer Familie geraten, den Clan der Porsches und Piëchs. Sie kontrollieren heute 51 Prozent der (stimmberechtigten) Stammaktien von VW. Weitere 17 Prozent hat sich das Scheichtum Katar gesichert. Nicht einmal mehr zehn Prozent der Stammaktien sind in Streubesitz. Die Aktie, einst als Instrument der Kleinanleger gedacht, hat sich im Fall Volkswagen als ein Mittel zur Vermögenskonzentration erwiesen. Das wäre allerdings nicht möglich gewesen ohne Hunderttausende Privatanleger, darunter viele Belegschaftsaktionäre, die in den vergangenen Jahren ihre Papiere verkauften.