Unvergessen unter Stuttgarts schreibender Zunft bleibt nicht zuletzt Jella Lepman. Die politisch aktive Linksliberale veröffentlicht im Tagblatt Artikel für emanzipierte Frauen, daneben Prosa und – selber alleinerziehende Mutter von zwei Kindern – moderne Stücke fürs Kindertheater. Als Jüdin muss sie 1936 fliehen; im englischen Exil entstehen zahlreiche Bücher wie 1943 Women in Nazi Germany. Nach dem Krieg geht sie nach München, wo sie zusammen mit Erich Kästner für die Völkerverständigung wirbt und 1948 die Internationale Jugendbibliothek gründet. Ihre wunderbaren Gutenachtgeschichten werden ein Klassiker und haben bis heute Generationen von Kindern begeistert.

Wie entschlossen die Stuttgarter zur neuen Zeit und zur Republik stehen, erweist sich 1920. Als am 13. März in Berlin Reichswehreinheiten putschen und den preußischen Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp zum Reichskanzler ausrufen, meldet sich die Stadt "zur Stelle" und heißt Reichspräsident Friedrich Ebert und die Reichsregierung willkommen. Der Reichstag zieht ins Kunstgebäude, die Regierung ins benachbarte Alte Schloss. Stuttgarts Presse zeigt Flagge, feiert die Republik und geißelt den "ostelbischen Anschlag". Das Gastspiel von Regierung und Parlament endet wenige Tage später, als ein Generalstreik im ganzen Reich die Putschisten schachmatt setzt. Oberbürgermeister Karl Lautenschlager verabschiedet die Exilanten mit einem zünftigen Mahl im Weinkeller des Rathauses.

Und Stuttgart bleibt republiktreu. Während in Württemberg seit 1924 eine rechtskonservative Regierung aus Zentrum, Deutschnationalen und Bauernbund regiert, haben hier die republikanischen Kräfte das Übergewicht; bis 1931 stellen Sozialdemokraten, Liberale und Zentrum 39 der 60 Stadträte. So verwundert es nicht, dass einer der prägendsten Politiker in den Gründungsjahren der Bundesrepublik seine politische Lehrzeit in Stuttgart verbrachte. Es ist der spätere Vorsitzende der SPD und Gegenspieler Konrad Adenauers, Kurt Schumacher.

1895 in Westpreußen geboren und dort auch aufgewachsen, kommt Schumacher nach Kriegsdienst und Jurastudium Anfang der zwanziger Jahre in die Stadt. Von 1924 an im Landtag, lehrt er den politischen Gegner rasch das Fürchten. Die kraftvollen Auftritte des hageren, kriegsversehrten jungen Mannes sind populär. Schumacher bringt verlorene Wähler zurück – bei der Reichstagswahl 1928 verbessert sich die SPD in Stuttgart von 18,2 auf 31 Prozent. Schumacher wird Kreisvorsitzender und Abgeordneter im Berliner Reichstag. Dort zeigt er sich unerbittlich gegen die Kollegen vom braunen Block und lobt sie noch 1932 sarkastisch für ihre "restlose Mobilisierung der menschlichen Dummheit". Der Preis ist hoch: Wegen seiner kompromisslosen Haltung erleidet er nach 1933 mehr als zehn Jahre Gefängnis und Folter.

Es sollte ein Parteifreund aus Stuttgarter Tagen sein, der, lange nach Schumachers Tod 1952, in der Bundesrepublik für eine erste Aufarbeitung der monströsen Verbrechen des "Dritten Reiches" sorgt. Der Stuttgarter Jurist Fritz Bauer, 1936 nach Skandinavien entkommen, macht sich als Staatsanwalt daran, Nazimörder vor Gericht zu bringen. 1963 beginnt der von ihm initiierte große Frankfurter Auschwitz-Prozess, der ein neues Kapitel in der internationalen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus einleitet.

Wenn indes vom demokratischen, rebellischen Stuttgart die Rede ist, dann darf der große, der "rote Bosch" nicht fehlen, eine der erstaunlichsten Gestalten der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Mit seiner 1886 gegründeten "Werkstatt für Feinmechanik und Elektrotechnik" steigt er binnen weniger Jahre zum Global Player auf. Der vollbärtige Naturliebhaber und Anhänger der Homöopathie zeigt soziale Verantwortung für seine Mitarbeiter; 1906 führt er Achtstundentag und Fünftagewoche ein.

Kaum ein Zufall, dass im Haus des Unternehmers, in der Rotebühlstraße 145, der SPD-Cheftheoretiker und frühere Engels-Privatsekretär Karl Kautsky wohnt; Robert Bosch debattiert gern mit ihm. Eher eine Hassliebe verbindet ihn hingegen mit Clara Zetkin, die ebenfalls in der Rotebühlstraße lebt und als Abgeordnete der USPD im Stuttgarter Landtag 1919 die stecken gebliebene Revolution kritisiert. Doch da ist Boschs Liebe zu den Sozialdemokraten schon abgekühlt – 1913 war es im eigenen Werk zu einem großen Streik gekommen. Nun hält er es eher mit der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei und dem geschätzten Friedrich Naumann.

Bosch trägt wohl auch das Seine dazu bei, dass Stuttgart vergleichsweise gut durch die Weltwirtschaftskrise kommt. In Großstädten wie Berlin oder Dortmund gehen rund 50 Prozent mehr Menschen stempeln. Ende 1932 vermeldet Wirtschaftsminister Reinhold Maier, später erster Ministerpräsident des Bundeslandes Baden-Württemberg, stolz in der Vossischen Zeitung, sein Land führe als einziges im Reich Überschüsse aus der Arbeitslosenversicherung ab. In Stuttgart ist die Depression 1932 ganz offensichtlich vorbei.

Entsprechend wenig Nährboden finden hier die Nationalsozialisten. "Ökonomisch wie psychologisch", diagnostiziert Kurt Schumacher 1932, "bietet kein Land dem Faschismus so geringe Chancen wie gerade Württemberg, wo die bürgerliche Mitte zwar zurückgedrängt, aber noch lange nicht so zerrieben ist wie im übrigen Deutschland." Und wenn man auch in Stuttgart nach 1933 dem "Führer" zujubelte, wenn auch in Württemberg 1938 die Synagogen brannten wie überall im Reich, so sei doch nicht vergessen, dass just aus diesem Teil Deutschlands die beiden Männer stammten, die Hitler beinahe getötet hätten: Georg Elser und Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Auch sie zwei württembergische Aufrechte, auf die sich die Stuttgarter Republik des Jahres 2013 stolz berufen kann.