DIE ZEIT: Frau Ateş, wussten Sie, dass vorige Woche in Kairo in aller Öffentlichkeit etwa zwei Dutzend Frauen vergewaltigt wurden? Am Jahrestag der Revolution fielen auf dem Tahrir-Platz mehrere Pulks von Vergewaltigern über einzelne Demonstrantinnen her. Die UN-Menschenrechtskommissarin verurteilte die Tatenlosigkeit der Polizei, die nicht einschritt, obwohl Hunderte Männer an den Übergriffen beteiligt waren.

Seyran Ateş: Ich habe es in der Zeitung gelesen, aber mich nicht gewundert.

ZEIT: Wie bitte?

Ateş: Weil Vergewaltigung seit Anbeginn der Revolution ein Thema war. Am Tag von Mubaraks Rücktritt etwa vergewaltigten auf dem Tahrir-Platz Dutzende Männer die südafrikanische Kriegsreporterin Lara Logan. Das jetzige Ausmaß der Gewalt ist erschreckend. Aber es gehört zur Logik der Revolution in einer patriarchalen Gesellschaft, dass Frauen rasch wieder rausgedrängt werden müssen aus der Politik. Wir dürfen nicht vergessen: Die Demonstrantinnen opponieren gegen eine Regierung religiöser Fundamentalisten.

ZEIT: Was hat Vergewaltigung denn mit Religion zu tun?

Ateş: Die Geschlechterapartheid ist ein wesentlicher Bestandteil des Weltbildes der Muslimbrüder. Sie glauben, Frauen sind nicht gleichberechtigt, also müssen sie kleingehalten und erniedrigt werden.

ZEIT: Selbsthilfeorganisationen richten nun Internetseiten ein wie harassmap.org, dort kann man per Mail, SMS oder Tweet Alarm schlagen, wenn Übergriffe drohen. Warum tut die Polizei nichts?

Ateş: Weil sie Teil des frauenverachtenden Systems ist. Die ägyptische Bloggerin Mona el-Tahawy wurde während der Revolution von Sicherheitskräften Mubaraks festgenommen und zwölf Stunden misshandelt. Sie beschrieb später die grausamen Methoden in ihrem Blog, der aber seit einigen Wochen nicht mehr existiert. Sie hat sich zurückgezogen. Das ist es, was diese Gewalttäter erreichen wollen.

ZEIT: Aber die ägyptische Revolution galt auch als ein Aufbegehren der Frauen.

Ateş: Eine Freundin aus Kairo schrieb mir Ende Januar 2011, dass sie sich jetzt zum ersten Mal als gleichberechtigter Mensch wertgeschätzt fühle. Plötzlich hielten alle zusammen: Männer mit oder ohne Bart, Frauen mit oder ohne Kopftuch. Sie hoffte, dass die Geschlechtertrennung aufhört. Doch diese Hoffnung währte nicht lange. Als Menschenrechtlerin weiß ich von vielen politisch aktiven Frauen, die auf Polizeiwachen und von Soldaten sexuell erniedrigt wurden.

ZEIT: Mona el-Tahawy schrieb einen Aufsatz mit dem Titel Warum sie uns hassen. Mit "sie" meinte sie die Männer. Warum also der Hass?

Ateş: Weil Verachtung Hass erzeugt.

"In Moscheen wird frauenverachtende Denken legitimiert"

ZEIT: Hass ist aber noch keine Vergewaltigung.

Ateş: Aber das eine folgt aus dem anderen. Wenn Männer nicht akzeptieren, dass Frauen gleichberechtigt sind, dann müssen sie alle Frauen bekämpfen, die gegen ihre unterwürfige Rolle aufbegehren. El-Tahawy sagt, solche gewalttätigen Männer haben nicht einfach Angst vor Machtverlust, sondern vor dem Verlust einer gottgegebenen Sonderstellung. Für strenggläubige Muslime ist die Revolution der Frauen Blasphemie.

ZEIT: Und Blasphemie rechtfertigt Gewalt?

Ateş: Das religiöse Argument der fundamentalistischen Muslime geht so: Gott will, dass ich ein Mann bin und du eine Frau bist. Wenn du Gott widersprichst, dann darf ich Gewalt anwenden.

ZEIT: Es heißt, die Situation auf dem Tahrir-Platz sei nach dem Freitagsgebet am gefährlichsten.

Ateş: Absurd, aber wahr. In den Moscheen wird das frauenverachtende Denken legitimiert durch die höchste Autorität. Allah wolle die patriarchale Ordnung. Das schlägt uns feministischen Musliminnen dauernd entgegen. Und wenn wir sagen, dass wir auch gottgewollt sind, geraten die Fanatiker in Rage. Eine Frauenrechtlerin schrieb: Hätte Gott das Kopftuch gewollt, wäre ich damit zur Welt gekommen.

ZEIT: Vergewaltigungen sind nun kein Privileg von Islamisten. Vergewaltigt wurde in jeder Kultur, zu allen Zeiten.

Ateş: Ja, weil es eine ultimative Machtgeste ist. Aber ob sie gesellschaftlich akzeptiert und religiös gerechtfertigt wird, macht einen Unterschied. Das gilt natürlich keineswegs nur für den Islam. Aber in Ägypten sind Religion und Politik jetzt eng verbunden. Der Koran soll Gesetz werden. Daraus folgt: Frauen sollen nicht Politik machen, denn das ist gegen ihre Natur. Wenn sie sich widernatürlich verhalten, darf man sie bekämpfen.

ZEIT: Menschenrechtsorganisationen berichten von einem wiederkehrenden Tatmuster: Die Banden der Vergewaltiger kreisen einzelne Frauen ein, isolieren sie und drängen sie in Seitenstraßen, wo sie sie ausziehen und im Pulk schänden.

Ateş: Die Vergewaltiger wollen die politischen Aktivistinnen dort treffen, wo sie am empfindlichsten sind, im Intimbereich. Sie fügen ihren Opfern Schmerzen zu, die lebenslang bleiben. Das brennt sich in die Seele. Den Frauen wird gezeigt, wo ihr Platz ist: zu Hause, nicht in der Politik, nicht auf der Straße.

ZEIT: Glauben Sie, dass die regierenden Muslimbrüder solche Exzesse billigen?

Ateş: Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es billigen, aber so tun, als ob sie es verurteilen. Um international bestehen zu können, müssen sie sich distanzieren. Sie unterbinden die Gewalt aber nicht. Die Macht dazu hätten sie. Sie könnten Frauenblocks mit Polizeikräften schützen. Ich war den Muslimbrüdern gegenüber immer misstrauisch, weil sie elementare demokratische Prinzipien ablehnen wie eben Gleichberechtigung oder Freiheit Andersdenkender. Ihr eingeschränkter Freiheitsbegriff speist sich aus der Scharia. Frauen haben dort kein Recht auf Selbstbestimmung, sie haben nur eine Bestimmung im Bezug auf den Mann. Zum Beispiel ist die Zeugenaussage einer Frau nur halb so viel wert.

ZEIT: Verstehen Sie, dass die Bundesregierung den ägyptischen Präsidenten Mursi empfangen hat?

Ateş: Nein. Der Westen hat sich wieder einmal als unfähig erwiesen, seine demokratische Position zu verteidigen gegen eine religiöse Partei, die niemals demokratisch sein wird.

ZEIT:Mursi wurde demokratisch gewählt.

Ateş: Demokratie bemisst sich nicht allein in Wählerstimmen. Putin wurde gewählt und ist doch ein Diktator. Die Muslimbrüder wurden gewählt und sind doch Fundamentalisten. Warum geben wir das nicht zu? Auch Hitler wurde ja gewählt, um Gottes willen! Wenn wir Mursi ehrenvoll empfangen, verleihen wir ihm Ansehen. Diese Art Diplomatie macht uns im Westen zu Mittätern. Bei Ben Ali und Mubarak war es nicht anders.

"Wir müssen einen Mainstream bekämpfen."

ZEIT: Viele der Kairoer Demonstrantinnen sind selbst muslimisch...

Ateş: ...aber nicht in den Augen der Vergewaltiger! Da sind sie unislamisch, abtrünnig, kriminell.

ZEIT: Warum hängen auch Frauen dem Islam an, wenn er doch so frauenfeindlich ist, wie Sie sagen?

Ateş: Sie meinen, warum ich selber Muslima bin?

ZEIT: Ja.

Ateş: Weil das Problem nicht der Islam ist, sondern die Unfähigkeit vieler muslimischer Männer, einen zeitgemäßen Glauben zu leben. Zu den Vergewaltigern in Kairo zählen bestimmt auch solche, die nie einen Schritt in die Moschee tun. Aber ihr mangelndes Schuldbewusstsein und ihr Chauvinismus speisen sich aus Kultur und Religion ihres Landes. Ich habe als Anwältin muslimischer Frauen in Deutschland immer wieder den türkischen Spruch gehört: "Der Mann liebt und schlägt." Also: Er darf das. Dazu passt die Sure 4 Vers 34: "Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Allah sie von Natur ausgezeichnet hat." Außerdem sagt der Koran: "Und wenn ihr (Männer) fürchtet, dass sie (die Frau) sich auflehnt, dann ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!" Ein hässlicher Dreischritt: Ermahnung, Liebesentzug, Gewalt. Auf diesen Vers berufen sich nicht nur Fundamentalisten, er prägt die ganze muslimische Welt.

ZEIT: Was wollen Sie dagegen tun?

Ateş: Wir liberalen Muslime können Reformen fordern und durchsetzen. Es gehört allerdings zu den Tragödien unseres Kampfes gegen das Patriarchat, dass sexualisierte Gewalt oft gar nicht oder nur geringfügig bestraft wird. Solche Strafen werden von den Tätern nicht ernst genommen. Wir müssen einen Mainstream bekämpfen, der sexuelle Gewalt als Kavaliersdelikt abtut.

ZEIT: Und was raten Sie den Demonstrantinnen in Kairo?

Ateş: Sich mit den liberalen Männern zu verbünden und sich bestmöglich zu schützen. Sonst werden sie diesen Kampf verlieren.