ZEIT: Gefällt Ihnen Frau Wille als Nachfolgerin?

Reiter: Vom Job her kann ich nur Gutes über sie sagen, sie war ja 15 Jahre lang meine Stellvertreterin. Mehr sage ich nicht. Es gibt nichts Schlimmeres als Alte, die sich aus ihren Gräbern und Grüften melden und erklären wollen, was richtig wäre und was schlecht. 

ZEIT: Die Zeit, in der Frauen nur aufstiegen, wenn Männer sie förderten, geht zu Ende.

Reiter: Ja, wir Männer haben offenbar abgewirtschaftet. Schauen Sie nach Rheinland-Pfalz, das ist mittlerweile eine Amazonenrepublik, es gibt mehr Ministerinnen als Minister, und eine Lady ist die Chefin.

ZEIT: Finden Sie das gut?

Reiter: Es gab schon mal im Hochmittelalter eine Zeit, in der die Männer zu Minnesängern degradiert wurden. Aber es ging nicht lange gut. Nach hundert Jahren war es wieder vorbei. 

ZEIT: Was wäre eigentlich aus Ihnen geworden, wenn 1989 die Mauer nicht gefallen wäre?

Reiter: Vielleicht Intendant des Bayerischen Rundfunks.

ZEIT: Dem hätte nichts im Weg gestanden?

Reiter: Ich glaube: nichts Ernsthaftes.

ZEIT: Wäre dieses Amt angenehmer gewesen?

Reiter: Nein, sehr viel langweiliger.

ZEIT: Neben Topleuten sind ja auch schwierigere Charaktere als Aufbauhelfer in den Osten gekommen. Haben Sie das als Problem empfunden? 

Reiter: Aber ja, das hat mich geärgert. Da ist zum Teil richtiges Gesindel rübergekommen! Leute, die drüben nichts geworden waren – und die dann hier die Menschen beschissen haben, nach Strich und Faden. Ich habe mich oft geschämt für das Pack. Aber am Ende zählt für die Ostdeutschen: Wir haben gezeigt, dass wir es können.

ZEIT: Sie sagen schon "wir". Wir Ostdeutsche.

Reiter: Na ja, nach mehr als 20 Jahren.

ZEIT: Einer der Ostdeutschen, mit dem Sie viel Zeit verbrachten, war Ihr Fahrer.

Reiter: Genau. Ein gescheiter Mann. Von ihm habe ich viel gelernt darüber, wie die Zuschauer ticken.

ZEIT: Wie finden Sie es, dass es jetzt einen ostdeutschen Bundespräsidenten gibt?

Reiter: Er ist ein eindrucksvoller Präsident, und was er sagt, ist klug und nicht immer so lähmend politically correct.

ZEIT: Sie sind seit einigen Monaten mit der Autorin und Moderatorin Else Buschheuer verheiratet. Half sie Ihnen bei der Autobiografie?

Reiter: Nein, Zeile für Zeile stammt von mir. Neulich wurde ich sogar gefragt, ob ich sie geheiratet habe, weil ich einen Ghostwriter brauchte. Ich sagte: Nein, das hat einen anderen Grund – ich habe sie geheiratet, weil sie mal einen Kurs in Sterbebegleitung bei der Mutter Teresa gemacht hat.

ZEIT: Haben Sie das wirklich gesagt? Wie war darauf die Reaktion?

Reiter: Betretenes Schweigen.

ZEIT: Es gibt im Buch eine berührende Passage zum Thema Sterbehilfe. Sie finden, der Deutsche Bundestag habe Ihnen nicht vorzuschreiben, wann und wie Sie aus dem Leben scheiden dürfen.

Reiter: Das ist eines der wenigen Themen, die mich wirklich in Wallung bringen. Ein junger, gesunder Mensch kann das wahrscheinlich nicht nachfühlen. Aber wenn der Tod näher rückt, wird die Frage drängender. Ich finde, dass das Recht auf Selbstbestimmung, dem wir ja sonst sehr großes Gewicht beimessen, auch für das Ende des Lebens gelten muss. Der Situation ausgesetzt zu sein, dass man sich selbst nicht helfen kann – das finde ich scheußlich.

Und dann schweigt Udo Reiter. Unglaublich, wie schnell er umschalten kann – vom Streit über den MDR zu existenziellen Fragen; und stets lächelt er dabei, besonnen, wie ein Buddha fast. Sollte ihm die Ruhe wirklich lieber sein als der Rummel?

ZEIT: Dass Sie eine Leipzigerin geheiratet haben, bedeutet auch: Sie haben hier Wurzeln geschlagen?

Reiter: Zum ersten Mal in meinem Leben. Ich hatte früher eine Söldnermentalität: Ich bin dorthin gegangen, wo etwas los war. Nun bin ich hier daheim. Ich freue mich, wenn ich nach Hause komme. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Nachbarn. Und einen schönen Garten.

ZEIT: Sie leben in einem Dorf bei Leipzig in der alten Dorfschule. Wie viele Leute wohnen im Ort?

Reiter: 68? Ich glaube, ich war der Neunundsechzigste.

ZEIT: Wie ist das in so einem Dorf, wenn da plötzlich der langjährige MDR-Intendant wohnt?

Reiter: Ach. Der Sachse ist entspannt. Sachsen und Bayern sind locker. Beide Länder waren mal Königreiche, beide haben jeden Krieg, den sie anfingen, verloren. Da wird man locker.