ZEIT: Gibt es auch Sexismus von Frauen gegenüber Männern?

Walter: Ja, aber es gibt bisher kaum ein Bewusstsein dafür. Nehmen wir die häufig vorkommenden Fälle aus dem Kindergarten, wo Eltern oder Erzieherinnen die Kompetenz ihrer wenigen männlichen Kollegen aus dem Geschlecht ableiten. Das klingt manchmal harmlos, etwa wenn gesagt wird: Geh doch du mit den Jungs Fußball spielen, du bist doch ein Mann. Wenn man umgekehrt sagen würde: Koch du doch mit den Mädchen, du bist eine Frau, dann gäbe es einen Aufschrei! Hinter beidem steckt aber das gleiche Argumentationsschema, der gleiche Sexismus.

ZEIT: Wie sieht es mit körperlichen Übergriffen aus?

Walter: Es gibt Studien, die zeigen, dass es auch Männer gibt, denen es unangenehm ist, wenn sie im Gespräch von Frauen berührt werden. Männer würden deswegen aber nicht sagen, dass sie belästigt wurden, weil im öffentlichen Bewusstsein sexuelle Belästigung nur umgekehrt stattfindet, also von Männern gegenüber Frauen. Übergriffiges Verhalten und Sexismus gibt es aber in der Arbeitswelt in beide Richtungen.

ZEIT: Trotzdem sind Frauen deutlich häufiger davon betroffen.

Walter: Natürlich ist Sexismus gegenüber Frauen ein ernsthaftes Problem, das will ich in keiner Weise relativieren. Aber oft sind auch Männer die Opfer eines Alltagssexismus, der bisher nicht als solcher wahrgenommen wird.

ZEIT: Aber können sich Männer nicht in der Regel leichter dagegen wehren als Frauen?

Walter: So einfach ist das nicht. Es ist schwer, sich gegen etwas zu wehren, was als gesellschaftliche Normalität akzeptiert ist. Sexismus hat nichts mit körperlicher Überlegenheit zu tun, sondern mit Machtverhältnissen. Problematisch ist, wenn Menschen in Machtpositionen die Möglichkeit haben, sich ungestraft abwertend oder sexistisch gegenüber Untergebenen zu verhalten, egal, welches Geschlecht sie haben. Deswegen würde ein höherer Anteil von Frauen in Führungspositionen auch nicht automatisch zur Überwindung von Sexismus in der Arbeitswelt führen.

ZEIT: Wie sehen Sie den Umgang in Deutschland mit dem Thema im Vergleich zu anderen Ländern?

Walter: Hierzulande ist die Sensibilisierung für das Thema bisher nicht so groß wie etwa in einigen Organisationen der USA, wo der Umgang mit Sexismus manchmal schon groteske Züge annimmt, die weit über ein gesundes Maß hinausgehen. Da gibt es Männer, die sich Sorgen machen, allein mit einer Kollegin im Aufzug zu fahren. Sie befürchten, wenn der Vorwurf der sexuellen Belästigung einmal im Raum steht, nahezu keine Chance mehr zu haben, sich dagegen zu wehren. Das ist keine gute Entwicklung. Wünschenswert ist, Wege zu finden, sexuelle Belästigung zu bekämpfen, ohne dabei die Errungenschaften des Rechtsstaats zu opfern.

ZEIT: Was müsste sich Ihrer Meinung nach verändern?

Walter: Es bräuchte jenseits der Skandalisierung und des Wunsches, recht haben zu wollen, mehr Offenheit und die Bereitschaft zum Perspektivenwechsel auf beiden Seiten. Männer und Frauen sollten nicht übereinander reden, sondern miteinander. Die Lösung liegt im Dialog. Außerdem sollte Sexismus öffentlich nicht immer nur in die eine Richtung gesehen werden, nach dem Motto: Schuldig sind die bösen Männer da oben. In unserer Gesellschaft gibt es Sexismus in alle Richtungen.

ZEIT: Gibt es Fälle, in denen Sie sich als Mediator nicht einschalten?

Walter: Wenn es sich eindeutig um gewalttätiges sexistisches Verhalten handelt, ist Mediation nicht das richtige Instrument. Busengrapscher gehören vor Gericht. Bewusster Machtmissbrauch benötigt Grenzen, die sich auch gerichtlich durchsetzen lassen. Auf der anderen Seite gibt es Grauzonen, über die man sprechen muss, damit Missverständnisse abgebaut werden. Darf man sich im Gespräch mal am Ellbogen oder am Knie anfassen? Darf mein Blick über den Körper meines Gegenübers wandern? Ob und wie lange etwas erlaubt ist, ist subjektiv und auch je nach Kultur und Hierarchieebene unterschiedlich.