Für seine Biografie hat Roehler ein All-Star-Team des deutschen Kinos (Jürgen Vogel, Meret Becker, Moritz Bleibtreu) und ein paar frische Gesichter engagiert (Lavinia Wilson überzeugt als Gisela Elsner, Leonard Schleicher als Robert Freytag, Bleibtreu als Schriftstellervater Klaus hat man lange nicht mehr so gefasst und locker spielen sehen). Dieser Regisseur ist praktisch unfähig, das biedere Ausstattungskino aus dem Zweiten Deutschen Fernsehen abzuliefern: Sein Kino ist eine konsequent durchgestaltete, manchmal hysterisch anmutende Kunstwelt (Licht!).

Immer wieder gelingen Roehler, dem Meister des eruptiven Erzählens, Szenen von ganz wunderbarer poetischer Kraft: Wie in einem Traum fließt die Kindheit in der fränkischen Provinz dahin: spritzende Gartenschläuche tanzen, Garagenwände werden gemauert, Maulwurfshügel gesprengt. Irre, merkwürdig nahe und verschüttete Bundesrepublik: Selten war die Hölle einer Spießerehe in den Fünfzigern so beklemmend und so lustig dargestellt, wie wenn Roberts Großmutter, die reiche Bürgersfrau im Goldbrokatkleid und mit Cognacglas (Margarita Broich), beim Mittagessen im Kempinski ihren Ehemann (Thomas Heinze) zusammenfaltet. Spießer schimpfen auf Brandt und rutschen auf Bananenschalen aus, Langhaarige skandieren: "Free Angela Davis!" Wenn Oskar Roehler den Schlaghosen-Teenager Robert zur grauenhaften Siebziger-Jahre-Schnulze I’d Love You to Want Me seinen ersten Engtanz erleben lässt, dann ist das von der größten Kraft, dem Motor dieser Erzählung beglaubigt: wahrer Geschichte, Roehlers Herkunft, gemeinsamer Erinnerung.

Und dann stockt der Motor der Erzählung doch wieder gewaltig, die drei Stunden werden lang. Aufs Ganze zu gehen, das kann eben doch nicht heißen, auch das Ganze zu erzählen. Vielleicht ist der Regisseur Roehler immer nur so gut, wie ihn ein Produzent und Berater daran hindert, ganz Oskar Roehler zu sein. Also wieder nur ein interessanter, kein sehr guter Roehler?

Diese Quellen des Lebens sind vielleicht kein geglückter und doch ein großartiger Film. Kraft und Schwäche des Regisseurs liegen in seiner Maßlosigkeit – und in dem natürlich richtigen und gefährlichen Anspruch, aufs Ganze zu gehen. Einen nur gut gemachten Film wird man von diesem Regisseur jedenfalls nicht so schnell sehen. Den Problemen des Autorenfilmers Roehler – und das will etwas heißen – schaut man als Kinogänger jedenfalls lieber zu als vielen geglückten deutschen Filmen.

Im Berliner Delphi Palast, in dem die Premiere von Quellen des Lebens stattfand, hatte Roehler Gartenzwerge im Foyer aufstellen lassen. Man konnte kaum abwarten, bis der Regisseur persönlich einen Zwerg in die Hand nahm und ihn mit lautem Lachen auf den Boden zerschellen ließ.