Das ist für Schirrmacher der entscheidende Augenblick. Denn nun wurde die Finanzindustrie spieltheoretisch aufgerüstet für den Kampf gegen Wettbewerber oder, eine Nummer größer, für den Kampf gegen Staatshaushalte. Bis 1989, so geht die Pointe, war der Kalte Krieg "draußen", aber als die Spieltheoretiker überall an Boden gewannen und den Typus des rationalen Egoisten durchsetzten, verwandelten sie die Gesellschaft in ein Kriegsgebiet. Neoliberale Ökonomen, Computerfreaks, Informationstheoretiker, die ganze digitale Elite von Silicon Valley, sogar ein Soziobiologe wie Richard Dawkins (Das egoistische Gen) – alle waren heimliche Spieltheoretiker und träumten in ihrer Weltbildfabrik vom Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Ineffizienz, kurz: vom Informationskapitalismus. Für Schirrmacher ist das – nach Faschismus und Kommunismus – schon wieder ein soziales Großexperiment am lebenden Menschen, und zwar mit dem Ziel, jede individuelle Regung durch eine "soziale Physik" zu berechnen und zu kontrollieren.

Unterdes hat sich der Informationskapitalismus durchgesetzt, er ist der Fürst dieser Welt und hält die Demokratien fest im Griff. Wenn Angela Merkel, wie Schirrmacher entgeistert bemerkt, die "marktkonforme Demokratie" lobt, dann hat sie bereits kapituliert. "Bürger und Staat haben keine Souveränität, sondern ›spielen‹ sie nur. Darum werden Parlamente zu Staffagen und Öffentlichkeiten zu Echoräumen, die man anspricht, um Märkte zu beeinflussen." Der Staat "spielt" gegen den Markt, und die Öffentlichkeit ist die Bühne, auf der er seine Spielzüge publik macht. "Regierungen reden nur noch taktisch mit ihrer eigenen Öffentlichkeit, sie übergehen Parlamente und Gesetze, sie müssen falsche Fährten legen und widersprüchliche Erwartungen hegen, Regulierungen ankündigen, durchsetzen, verwerfen – alles nur, um im Rüstungswettlauf mit den Märkten den Gegenspieler zu verwirren."

Zugegeben: In diesen Beschreibungen steckt ein missverständlicher, sehr deutsch klingender Unterton: Alles Übel kommt aus dem Westen, es kommt aus England und Amerika, Wall Street und Silicon Valley haben sich gegen Europa verschworen, sie rupfen die blaue Blume der deutschen Romantik von den blühenden Wiesen der Kultur, sie zerstören den Sozialstaat und das Politische gleich mit. Anderseits macht Schirrmacher dem Leser klar, dass Europa seit zweihundert Jahren vom Maschinenwesen fasziniert ist und sich bis auf wenige Ausnahmen in die Automatenmenschen hineingeträumt hat, in den kalt kalkulierenden Spieler, den rationalen Egoisten.

Dieser Traum von der menschlichen Maschine geht nun in Erfüllung, aber für Schirrmacher ist es ein Albtraum, eine große Säuberung und vielleicht auch der Untergang des Abendlandes. Der Informationskapitalismus installiert nämlich nicht nur den Kalten Krieg im Sozialen; er bereinigt das alte Menschenbild und macht es semantisch nackt. Wörter sind nur noch Information, und Information ist Geld, und Geld ist das Maß der Vernunft. Seele, Moral, Liebe, Leidenschaft, Gott – die Pathosformeln einer abgelaufenen Epoche werden nun liquide, und was früher ganze Bibliotheken über die Wahrheit des Menschenwesens gefüllt hat, das passt heute auf einen Bierdeckel: "Der Mensch ist ein Ökonom", er ist Kalkül, ein Vorteilnehmer und Selbstvermarkter.

Wer es unbedingt im Links-rechts-Schema sagen will: Jetzt bekommt es das konservative Bürgertum mit sich selbst zu tun. Schirrmacher versucht, die bürgerlich-konservative Intelligenz auf die Höhe der Zeit zu bringen, all jene Denker, die schöne, kostbare Jahre mit Gezeter ("Kapitalismus oder Barbarei") vergeudet haben, mit Spiegelfechtereien gegen Gutmenschen und Moralapostel.