Diesen Fall aufzuklären sei so einfach, wie mit einer Qualle zu kämpfen – egal, wo man ansetze, sie flutsche einem aus den Fingern. Mit diesem nicht ganz gelungenen Vergleich beschreibt der britische Nahrungsmittelexperte Mike Stones den jüngsten Lebensmittelskandal in Großbritannien: Wo allein Rindfleisch drin sein sollte – etwa in Hamburgern, Lasagne, Spaghetti Bolognese und anderen Tiefkühl- und Fertiggerichten –, ist offensichtlich auch Pferdefleisch verarbeitet worden.

Zehn Millionen Gerichte sind aus Tiefkühltruhen und Supermarktregalen allein in Großbritannien bereits eingesammelt worden, seitdem der Pfusch im Januar bekannt wurde. In Irland, Frankreich und in den Niederlanden fanden sich inzwischen ebenfalls Spuren von Pferde-DNA in Rindfleischprodukten; die deutsche Supermarktkette Tengelmann hat vorsorglich eine Tiefkühl-Lasagne aus dem Verkehr gezogen und zur Analyse ihrer Zusammensetzung ins Labor geschickt. Auch Real hat Mini-Cheeseburger des Lieferanten Agro on und die Lasagne der Eigenmarke TiP aus dem Sortiment genommen – angeblich eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Der britische Landwirtschaftsminister Owen Paterson vermutet hinter dem Pferdefleisch-Skandal "eine internationale kriminelle Verschwörung". Für diese Annahme gibt es gute Gründe. Zum einen ist Pferdefleisch billiger als Rindfleisch. Zum anderen sind die Lieferketten, durch die europäische Lebensmittelhersteller ihre Rohstoffe beziehen, kaum zu durchschauen. Angesichts der zahllosen Unternehmen, die an der Herstellung von Fertigprodukten verdienten, sei er über den Skandal kaum verwundert, meint der Experte Stones.

Ein Beispiel: Die schwedische Findus-Gruppe, die ihre Tiefkühlprodukte in vielen europäischen Ländern zwischen Skandinavien und Italien verkauft, lässt ihre Lasagne von der französischen Firma Comigel in Luxemburg herstellen. Comigel bezieht sein Rindfleisch über einen zypriotischen Makler, der wiederum mit einem niederländischen Zwischenhändler kooperiert und Rindfleisch aus Schlachthäusern in Rumänien einkauft. Die rumänischen Behörden haben besagte Schlachthäuser inzwischen besucht. Anzeichen dafür, dass Pferdefleisch verarbeitet wurde, haben sie angeblich nicht gefunden. Neben Findus aus Schweden beliefert die Produktionsstätte von Comigel auch Einzelhändler in 15 weiteren europäischen Ländern. Dementsprechend herrscht in den dortigen Landwirtschaftsministerien höchste Alarmstimmung.

Zwar ist Pferdefleisch für den Konsum grundsätzlich geeignet. Allerdings kommen aus Irland Berichte, dass auch kontaminiertes Fleisch in Pizzas oder Hamburger gelangt sein könnte. Ein Sprecher des irischen Tierschutzverbands behauptet, dass in den vergangenen beiden Jahren rund 70.000 Pferde auf der Grünen Insel auf mysteriöse Weise verschwunden seien. Dabei handele es sich um Tiere, die für den Rennsport oder zum Freizeitvergnügen gezüchtet wurden und die teilweise mit Medikamenten wie dem Antirheumatikum Phenylbutazon behandelt worden seien. Dieses Mittel könne bei Menschen zu Krebs führen.

Der Tierschützer gibt vor, mit eigenen Augen gesehen zu haben, wie abgemagerte und ausrangierte Pferde eingesammelt und, mit gefälschten Mikrochips im Halsmuskel, "bei Nacht und Nebel" in ein Schlachthaus nach England verfrachtet worden seien.

Harte Beweise dafür gibt es bisher nicht. Die Gewinnspannen für einen solchen Schmuggel sind jedoch beträchtlich. Abdecker bezahlen nicht mehr als 10 Euro pro Tier, bekommen von den Schlachthöfen aber bis zu 500 Euro für jeden Kadaver. Angesichts rasant gestiegener Weltmarktpreise für Rindfleisch und des immensen Drucks der großen Supermarktketten auf die Hersteller von Tiefkühlkost, ihre Preise zu senken, lade das zur Kriminalität geradezu ein, gibt ein Beamter im Londoner Landwirtschaftsministerium zu bedenken.

Verbraucherschutzregeln wurden gebrochen, Kriminelle sind am Werk, aber weder Händler oder Lieferanten noch die britische Lebensmittelaufsicht haben irgendetwas bemerkt: Für die Regierung Cameron gibt es einiges aufzuarbeiten.