Die Dichter werden immer jünger, smarter, aufgeräumter, sind vielseitig einsetzbar und uneckig, sie sind gut gelaunt und gut vernetzt, gut, aber nicht zu gut, und beginnen ihre Lesung pünktlich mit viertelstündiger Verspätung. Schwachstellen können sie sich kaum leisten, wollen sie weiter mitmischen und in die Goethe-Institutswelt verschickt werden. Der Lorbeer ist außer Reichweite, der prekäre Mittelstand nah. Den Dichter gibt es aber auch in der Einzahl. Der Australier Les Murray gilt als einer der bedeutendsten Poeten der Gegenwart, als Nobelpreiskandidat. Sein Versepos Fredy Neptune hat eine Wucht und Tragweite, die noch nicht mal den Vergleich mit Homer oder Dante fürchten muss. Nun erscheint hierzulande seine Bekenntnisschrift Der Schwarze Hund: Les Murray ist depressiv. Seine Größe ist keine feste Größe, da ist nichts stabil.

Murray erzählt von seiner Rückkehr in die Heimat, nach Bunyah, in den Busch, und wie mit den Erinnerungen auch die Krankheit hochkam, nach einer Lesung, als eine frühere Mitschülerin ihn mit seinem alten Spitznamen ansprach: "Innerhalb von ein, zwei Tagen begann ich, zu zerfallen. Ich litt plötzlich an einem schmerzhaften Kribbeln in den Fingern, beim Fahren packten mich lange Weinanfälle." Vom Beginn des Schubes bis zum vermeintlichen Ende der Krankheit, als er mit einem Leberabszess ins Krankenhaus eingeliefert wurde, schildert Murray alle Stationen der Depression, und wie sie aus der Verschattung seiner Schulzeit hervorging. Er erkundet die Dramen seiner Familie, die Lasten seiner Eltern und Großeltern, die er als dicklicher, gehänselter Jugendlicher mit sich trug, und windet sich noch einmal unter den Erinnerungen an all die Zurückweisungen, die er vor allem durch Mädchen erlitt. Hannibal Lecter aus Das Schweigen der Lämmer wird zu seinem zweiten Psychiater: "Er machte mir klar, dass Selbstbeobachtung nur dann funktioniert, wenn man wirklich die ganze Wahrheit sagt und nichts unterdrückt." Diese Lehre gibt Murray weiter.

Der Schwarze Hund ist ein verstörendes Buch. Sein Verfasser outet sich als Paria, der seine Lesereisen mit Präparaten wie Xanax meistern musste, der in Embryonalstellung auf der Couch Panikattacken erlitt und an schlechten Tagen mit drei bis vier Scheinherzinfarkten rechnen musste. Indem er sich so ungeschützt zeigt, macht er anderen Mut, zu sich zu stehen, statt eine Identität über sich zu stülpen, die etwas hermachen soll. Aber die zweigeteilte Publikation aus einem Aufsatz und Gedichten zeigt nicht nur, was Murray zeigen will, sondern auch das, was er nicht sieht, was seinem Blick entgeht.

"Sex ist ein Nazi", so beginnt sein Gedicht Rockmusik, "doch was", fährt er fort, "ist ein Nazi mehr als Sex, hochgeschaukelt für die Massen?" Die Kränkung des Heranwachsenden, der bei der sexuellen Selektion den Kürzeren zog, in allen Ehren, aber dem Dichter will die Verarbeitung nur bedingt gelingen. Der Pausenhof bleibt seine Vorhölle. Mit ihm verbindet er alles, was er verabscheut, "Dinge wie Demonstrationen, bei denen ich immer das Echo des Schulhofs höre, oder Radikalismus, der den Schulhof zu einer ganzen ideellen Welt vergrößert". Auf die Generation der Achtundsechziger reagiert er allergisch, lässt aber ungeklärt, was er ihr vorhält. Murray wirkt, als würde sein Denken überschwemmt von seinen Verletztheiten und deren Eigenleben. Nicht alle Gedichte sind großartig, manche tragen nicht nur die Spuren seiner Kämpfe, sondern auch die seiner Kämpfchen und kommen nicht weiter. Na und? Wir könnten uns nun von Murray enttäuscht abwenden, aber das wäre schade. Denn die Lehre des Schwarzen Hundes könnte doch lauten, dass wir unvollkommen sein dürfen und dass wir dennoch großartig sind oder sein könnten, manchmal jedenfalls. Gleichbleibend groß sind nur Statuen.