Über Waffen wird in Deutschland meist gestritten, wenn es zu spät ist. Wenn wieder ein Amokläufer an einer Schule gewütet hat, wenn Blut geflossen ist, Menschen gestorben sind. Dann gibt es zuverlässig einen Aufschrei, ein kollektives Händeringen, politische Schnappatmung und das Versprechen, nun endlich die Waffengesetze und die Waffenkontrollen zu verschärfen, damit "so etwas" nie wieder passieren kann. Bis es dann doch wieder geschieht. Beim nächsten Amoklauf.

Jetzt jedoch bietet sich vielleicht die rare Gelegenheit, einmal ohne Entsetzen und Empörung, aber auch ohne politische Ranküne und lobbyistische Wühlarbeit darüber zu reden, ob die Regeln für privaten Waffenbesitz in Deutschland wirklich funktionieren. In diesen Tagen wird das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe über eine Verfassungsbeschwerde von Roman Grafe, Sprecher der Initiative "Keine Mordwaffen als Sportwaffen", gegen das geltende Waffenrecht entscheiden. Karlsruhe ist der Ort, an dem irgendwann jeder hitzige Grundsatzstreit landet. Und nicht selten konnten die Richter mit ihren Urteilen gesellschaftlichen Frieden stiften.

Grafe, einer der hartnäckigsten Aktivisten für ein Waffenverbot, argumentiert in seiner Verfassungsbeschwerde, das geltende Waffenrecht stelle die Freiheit der Sportschützen über das Recht der Allgemeinheit auf körperliche Unversehrtheit. Es verstoße daher gegen das Grundgesetz. Er sieht eine Schutzpflicht des Staates, den Gebrauch von legalen Sportwaffen so weit einzuschränken, dass von ihnen – genauer: von den Sportschützen selbst – keine Gefahr mehr ausgehe. Dass diese Gefahr existiert, dass sie sich auch immer wieder realisiert, das sieht Grafe durch jeden einzelnen Amoklauf belegt. Das geltende Waffenrecht habe in der Vergangenheit keinen Schutz vor Mordserien mit privaten legalen Waffen geboten.

Faktisch läuft Grafes Argumentation auf ein weitgehendes, wenn nicht totales Waffenverbot für die private Nutzung hinaus, das sich politisch gegen die einflussreiche Sportschützenlobby nicht durchsetzen lässt. Ob nun die Karlsruher Richter dieser Überlegung folgen werden, steht dahin. Aber was immer sie zur notwendigen Balance zwischen Freiheit und Sicherheit sagen, könnte zum Kern für einen neuen gesellschaftlichen Konsens beim Waffenbesitz werden, der auch Lobbyinteressen berücksichtigt, sie aber nicht überbewertet. Und den die Politik bislang nicht zu stiften vermocht hat.