Es gibt diese Momente auf den Pressekonferenzen der großen Festivals, vor denen man Regisseure oder Schauspieler gerne beschützen würde. Momente, in denen sie derart indiskrete oder peinliche Fragen gestellt bekommen, dass man sich eine Art Greifarm herbeiwünscht. Einen ferngesteuerten Kran, der von der Decke hinabfährt und den dreisten Frager geräuschlos aus dem Saal hebt. Auf der diesjährigen Berlinale dürfte sich Catherine Deneuve etwas Ähnliches gewünscht haben. Während der Pressekonferenz zu dem eher belanglosen französischen Wettbewerbsfilm Elle s’en va, in dem sie eine Restaurantbesitzerin in der Provinz spielt, die aus ihrem Leben ausbricht, wurde die Kettenraucherin gefragt, wie sie zu ihrem Zigarettenkonsum stehe und ob ihr das eigene Altern Probleme bereite. "Man darf die Angst vor dem Alter nicht zur Obsession werden lassen" – Deneuves würdevoll-banale Antwort wurde dann aber zu einer der meistverbreiteten Meldungen der 63. Berliner Filmfestspiele.

Können wir uns eine einzige deutsche Schauspielerin vorstellen, die auf den Filmfestspielen von Cannes mit solchen Äußerungen einen medialen Tsunami auslöst? Um die Frage zu erörtern, könnte man französische gegen deutsche Stars ausspielen, über die vermeintliche Piefigkeit oder auch verminderte Diventauglichkeit hiesiger Schauspielerinnen sinnieren. Um tatsächlich eine Antwort zu finden, muss man aber auf die französische Kinonation blicken, auf ihre Filmbegeisterung und cineastische Leidenschaft. Und damit auf ein Land, dessen tief im bürgerlichen Bewusstsein verankerte Bilderkultur es Schauspielerinnen überhaupt ermöglicht, auf der Leinwand mit ihren Rollen groß zu werden und es auch über ein halbes Jahrhundert hinweg zu bleiben. Dank dieser französischen Filmkultur, die eben auch die Neugierde auf andere Kinoländer, ihre Bilder und Erzählungen beinhaltet, lässt sich schon jetzt voraussagen, dass der rumänische Gewinner des Goldenen Bären, Calin Peter Netzers Film Child’s Pose, über eine besitzergreifende Mutter, die ihren Sohn mit Bestechung und Manipulation vor einer Gefängnisstrafe bewahren will (ZEIT Nr. 8/13), in Frankreich drei- bis viermal so viele Zuschauer erreichen wird wie in Deutschland. Die große Entdeckung im Wettbewerb der vergangenen Berlinale, Miguel Gomes’ elegische spätkoloniale Liebesgeschichte Tabu erreichte in Frankreich zum Beispiel einhunderttausend Zuschauer. Hierzulande waren es, nun ja, dreitausend.

Natürlich kann man Deutschland nicht zu der großen Kinonation machen, die es nun mal nicht ist. Doch während der Berlinale, die in zehn Tagen dreihunderttausend Besucher ins Kino lockt, könnten wir uns wenigstens ein Weilchen einbilden, eine zu sein. Warum aber schmälern wir diese Begeisterung auf geradezu masochistische Weise? Und ziehen stattdessen als Maßstab lieber Cannes heran, das Festival der großen Autorenregisseure, das ebendiese Namen mit dem Rückhalt eines ganzjährig enthusiastischen Kinopublikums und einer weltoffenen Verleiherlandschaft an die Côte d’Azur locken kann. Warum erfreuen wir uns nicht an diesem Berliner Riesenfestival, das in neun Sektionen vierhundert Filme zeigt, von denen hundertdreiundsechzig zum allerersten Mal das Licht der Leinwand erblicken? Und echauffieren uns lieber mit buchhalterischer Energie darüber, dass – nur! – fünfzehn der neunzehn Filme, die im Wettbewerb um den Goldenen Bären konkurrieren, Weltpremieren seien.

In diese seltsame Tendenz zur Selbstzerfleischung gehört auch der Umgang mit dem deutschen Film Gold. Ein wahrer Vernichtungsfeldzug wurde vor allem im Internet gegen den Wettbewerbsbeitrag von Thomas Arslan geführt, der den Western am Beispiel eines deutschen Pioniertrecks um die Jahrhundertwende gewissermaßen auf sein Skelett reduziert. Gezetert wurde dabei auch massiv gegen die auch im Ausland renommierte Kinobewegung der Berliner Schule, zu der neben Arslan unter anderem Regisseure wie Christian Petzold, Ulrich Köhler und Maren Ade gehören. Arslan und seinen Kollegen wurde vorgeworfen, dass sie zu wenig Gefühle, zu wenig Identifikation, zu wenig Erzählung böten. Es ist aber absurd, Thomas Arslan vorzuhalten, dass er nicht den saftigen Publikumsfilm gemacht habe, den die Branche der Berlinale in diesem Jahr nicht bieten könne. Genauso gut könnte man von Rosa von Praunheim, dem schwulen Exzentriker des deutschen Kinos, fordern, er solle endlich mal eine Hommage an den Papst drehen.

Zu einer selbstbewussten Kinolandschaft gehört nämlich nicht zuletzt, dass sie sich ihrer Vielstimmigkeit bewusst ist, keine Türen zuschlägt, keine Schützengräben buddelt, sondern, ganz im Sinne des im vergangenen Jahr verstorbenen Produzenten Bernd Eichinger, die Möglichkeit eines fairen Streits, eines Diskurses oder schlichtweg eines Sprechens über Kino eröffnet.

Und vielleicht würde zu diesem anderen Selbstbewusstsein auch das Erkennen natürlicher Grenzen gehören. Vor zwei Jahren gewann der iranische Regisseur Asghar Farhadi mit seinem Film Nader und Simin den Goldenen Bären und die Darstellerpreise der Berlinale. Der Film hatte in Deutschland zweihunderttausend Zuschauer. Und in Frankreich? Eine Million. Es war denn auch kein deutscher Produzent, sondern der Franzose Alexandre Mallet-Guy, der Farhadi vorschlug, mit ihm seinen ersten Film außerhalb des Irans zu machen. Das Drehbuch schrieb Farhadi in Paris, wo auch gedreht wurde. Seine Premiere wird der Film mit der französischen Schauspielerin Bérénice Bejo (The Artist) in der Hauptrolle wohl im Mai auf dem Festival von Cannes feiern. Wenn die Berlinale da mal nicht wieder versagt hat!