Dass preisgünstige Ware nicht automatisch minderwertig sein muss, zeigen auch die Analysen des Magazins Ökotest. In dessen Erdbeerjoghurt-Wettbewerb landete ausgerechnet der billigste Joghurt für 0,29 Euro auf Platz eins – neben einem teuren Joghurt für 1,05 Euro. Bei Gesundheitstees schnitt der Tee einer Drogeriekette für 0,06 Euro* pro Tasse mit "gut" ab, während ein dreimal so teurer Tee aus der Apotheke mit "ungenügend" bewertet wurde. Bei der Stiftung Warentest wiederum avancierte ein Sonnenblumenöl von Aldi für 1,49 Euro pro Liter zum Testsieger, während das teuerste Öl für 7 Euro bloß auf dem zweiten Platz landete. Und bei einem Toastbrot-Test schnitt ein Billigprodukt für 49 Cent fast ebenso gut ab wie der teure Toast für 1,29 Euro.

Ähnliche Erfahrungen hat Sternekoch Nelson Müller gemacht, als er für den Fernsehsender 3sat testete, wie gut Billig-Bioware aus dem Supermarkt ist. Für Milch und Käse sowie Obst und Gemüse gilt: Die Ware ist günstiger zu haben als im Öko-Fachhandel. "Im Supermarkt kann man echte Schnäppchen machen", sagt Müller.

Steht also alles zum Besten in Deutschlands Lebensmittelregalen? Tatsächlich könnte man argumentieren, dass unser Essen, rein statistisch, sicherer ist als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Fast 90 Prozent der konventionellen Lebensmittel schnitten seit 2007 mindestens mit "gut" ab, meldet die Stiftung Warentest. Tendenziell sei auch die Pestizidbelastung der Nahrung gesunken. Und durch den Preiskampf der Discounter kommt der Verbraucher sogar in den Genuss billiger Kopien teurer Markenprodukte. Die zwei Varianten eines Joghurts, eines Frischkäses oder eines Brots mögen zwar unterschiedlich heißen und aussehen; doch können sie aus demselben Betrieb stammen und nahezu identisch sein. Denn ein Hersteller, der mit seinem Produkt einen möglichst großen Marktanteil halten will, bietet dieses häufig zugleich als Marken- und als No-Name-Produkt an. Offen kommuniziert wird so etwas selten. "Die meisten Hersteller verschleiern diese Vorgehensweise, indem sie ein, zwei Farbstoffe ändern, damit die Zutatenlisten der beiden Produkte sich unterscheiden", erklärt Silke Schwartau.

Von der Freude über die billige De-luxe-Kopie abgesehen, hat der Preiskampf mitunter fatale Folgen. Wer etwa für ein Fertigprodukt wenig zahlen will, erhöht die Wahrscheinlichkeit, eine ordentliche Ladung Geschmacksverstärker abzukriegen: Bernsteinsäure, Glutamat, Diglutamat, Natriumlactat oder Ribonucleotide lassen ein Produkt lediglich hochwertiger und bekömmlicher erscheinen. Auch der vermehrte Einsatz von Medikamenten in der Tierzucht ist eine Folge des Preisdrucks. "Antibiotika werden heute nicht mehr als Mittel eingesetzt, um eine zufällig auftretende Krankheit zu bekämpfen", sagt der Tierarzt und Grünenpolitiker Rupert Ebner, "sondern als Produktionsmittel – anstelle von Licht und Luft und Raum."

Gerade beim Fleisch empfehlen Experten daher den Blick auf das Preisschild. "Wenn Sie möchten, dass Ihr Schnitzel einen Weidegang hinter sich hat, können Sie nicht zu den Tiefstpreisen der Discounter einkaufen", sagt Silke Schwartau. Rein geschmacklich sei der Unterschied kaum festzustellen, ergänzt Rupert Ebner: "Sie finden keinen, der auf dem Teller Industriefleisch von einem artgerecht produzierten Happen unterscheiden kann."

Mit welch harten Bandagen der Preiskampf geführt wird, zeigt sich bei tiefgekühlten Fertigprodukten, die als sogenannte Eigenmarken in den Verkauf gelangen. "Die Kühltruhen sind die teuersten Regalmeter. Dort brauchen die Discounter Ware, die sich schnell dreht", weiß Matthias Wolfschmidt von der Foodwatch. "Für diese teuren Regalmeter sucht der Händler Hersteller, die das Produkt zu einem bestimmten Preis bauen." Wie der Mittelständler die Vorgaben einhält, sei dem Großunternehmen egal. Es gibt Überkapazitäten, deshalb sitzen Großunternehmer am längeren Hebel. Er habe schon "gestandene Manager der Lebensmittelbranche mit Tränen in den Augen gesehen, als sie sich mit einem Discounter einigen mussten", erzählt Wolfschmidt.

Die Ernährungsindustrie sieht das eigentliche Problem sowieso woanders: beim Kunden nämlich. Vor allem die Deutschen knauserten beim Essen, heißt es, sie kauften die teuersten Küchen und kochten darin die billigsten Lebensmittel. Tatsächlich spiegelt sich unsere geringe Wertschätzung für Lebensmittel in vielen Preisvergleichen wider. Den wertvollen Liter Milch gibt es für 60 Cent, das klebrige Zuckerwasser namens Cola für 90 Cent. Für das Ei, immerhin das Tageswerk eines Tieres, gibt der deutsche Kunde im Schnitt 25 Cent aus, für das Überraschungsei, bestehend aus ein bisschen Zucker, Fett und kaum Kakao, berappt er 69 Cent. Das Kilo Hähnchenschenkel für den Grillabend kostet 2,08 Euro, während der Hund Futter für 4,33 Euro das Kilo bekommt.

Doch wer den Kunden die Schuld an den Missständen zuschieben will, erlebt einen aufbrausenden Foodwatch-Vize Wolfschmidt. Immer wenn es Probleme gebe, sei der Böse entweder der Kunde, der billig kaufen wolle, oder – wie im Pferdefleischskandal – irgendein "finsterer Geselle im Hintergrund". Der Discounter dagegen ist meist fein raus, wenn ein Skandal publik wird. Solange einem Verkäufer nicht nachgewiesen werden könne, dass er in täuschender Absicht Etikettenschwindel begangen habe, müsse er dafür nicht geradestehen. "Die Staatsanwälte verrecken vor dem Richter, wenn sie versuchen, diesen Nachweis zu erbringen", sagt Wolfschmidt. Er möchte daher die Regeln ändern. Der Handel müsse leichter haftbar gemacht werden können für das, was er verkauft. Aus. Prinzip Verantwortung.

Im heutigen Handelsdickicht jedoch, in dem Zwischen- und Großhändler Chargen über Grenzen verschieben, bis das Fleisch in den Tiefkühltruhen von Edeka, Rewe, Aldi oder Lidl landet, herrscht ein System der Verantwortungslosigkeit. Der Schwarze Peter wird herumgereicht: vom deutschen Discounter nach Frankreich und über Holland zum rumänischen Pferdemetzger.

Auch der Kunde, der bereit ist, mehr zu bezahlen, erhält für sein Geld nur so lange gewisse Garantien, wie er das gewünschte Stück noch in einer Auslage bewundern kann. Ist das Fleisch dagegen schon zwischen den Schichten einer Lasagne verschwunden oder zu Ravioli verhackstückt worden, bietet ein hoher Preis keine Garantie mehr für Qualität.