Fabian Burstein ist auf einem Kreuzzug. Entspannt sitzt er in seinem Büro im ersten Wiener Bezirk, verschränkt die Hände hinter dem Kopf und lehnt sich in seinem Sessel zurück. Wenn der 30-jährige Schriftsteller und Dokumentarfilmer von der »Ausrottung einer Generation Musikschaffender«, »Kollateralschäden« und der »Folter« von Kandidaten spricht, funkelt es wütend hinter den Brillengläsern.

Burstein hat Castingshows den Kampf angesagt. In seinem Roman Träum weiter erzählt er von blauäugigen Kandidaten, sadistischen Juroren und noch sadistischeren Programmmachern. Früher schrieb er Werbetexte, arbeitete für Musikmagazine, drehte eine Dokumentation über österreichische Pornodarsteller und schrieb eine Biografie über die Musiklegende Hansi Lang. Seit den Recherchen zu seinem Roman sieht er sich berufen, all jene zu schützen, die vor Millionen bloßgestellt wurden – wie ein Robin Hood der gedemütigten Träumer.

Seit Jahren dominieren die vermeintlichen Talentshows das Hauptabendprogramm unzähliger Fernsehsender. »Man bekommt eine Gänsehaut, wenn man sieht, wie brutal mit den Kandidaten umgegangen wird«, sagt Burstein. Vom ersten März an werden im ORF wieder die Dancing Stars über das Parkett wirbeln. Doch während in der Tanzsendung Prominenz der C-Klasse um die Bewertungen der Juroren rittert, sind es bei den Castingshows Unbekannte, die auf eine Karriere hoffen und stattdessen oft nur der Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Für sie hat Burstein im Oktober des vergangenen Jahres die erste Gewerkschaft für Castingshow-Opfer ins Leben gerufen. Jeder Bursche, der von Dieter Bohlen vor laufender Kamera als »Arschloch« beschimpft wurde, und jedes Mädchen, das für Heidi Klum halb nackt durch den Dreck robben musste, soll Hilfe bekommen. »Es ist nicht angemessen, einen 16-Jährigen auf eine Bühne zu stellen, ihn für drei Monate vor einem Millionenpublikum zu benutzen und dann wieder auszuspucken«, echauffiert sich Burstein. Seine Vision: eine Sammelklage minderjähriger Castingshow-Opfer, die vor Gericht den Ersatz ihrer Therapiekosten einfordern.

Talentierte und talentfreie Männer und Frauen wagen sich in Castingshows vor eine Jury, singen, tanzen, modeln. Und wundern sich, wenn die Kameras selbst im Moment der höchsten Peinlichkeit weiterdrehen. Mit Starmania hielt dieses Genre des Televoyeurismus 2002 Einzug in Österreich. Knapp 2.000 Männer und Frauen bewarben sich für die erste Staffel des Gesangswettstreits. Bei der vierten Auflage waren es zehnmal so viele. Seither wirft der ORF eine Castingshow nach der anderen in die Quotenschlacht. Ob in Helden von morgen oder bei der Großen Chance , immer mehr Teilnehmer lechzen nach ihren 15 Minuten Ruhm. Zumeist reicht es aber nur für einen Auftritt als Lachnummer. Sollte nicht vielmehr ein öffentlich-rechtlicher Sender diese Träumer vor sich selbst schützen?

»Wir haben ein Recht auf Unterhaltung«, sagt ORF-Unterhaltungschef Edgar Böhm. »Selbstverständlich ist auch das Lachen erlaubt, und es muss nicht immer einen Hintergrund haben. Lachen über jemanden ist auch eine Form der Unterhaltung, aber nur, wenn sie nicht vernichtend ist.« Man gibt sich harmlos in Österreich. Schließlich werde jeder um sein Einverständnis gefragt, bevor die talentfreie Performance ausgestrahlt wird. Außerdem bediene sich der ORF auch keiner umstrittenen Juroren wie etwa eines Dieter Bohlen, sondern begnüge sich mit der zahmeren Version in Gestalt des brummigen Berliner Rappers Paul Würdig alias Sido.

»Wenn sich einer wirklich zum Affen macht, dann macht er sich zum Affen. Da setzt man sich auch schon gescheit drauf«, gesteht Thomas K. Der Redakteur arbeitete schon bei diversen Castingshows für den ORF und die beiden Privatsender ATV und Puls4 und möchte anonym bleiben. Zu klein ist der Markt in Österreich, und nur wenige Redakteure kümmern sich um diesen Programmtypus. K. kennt die Suche nach skurrilen Charakteren, und er weiß, wie Musik richtig eingesetzt werden muss, um die Vor- und Nachteile eines Kandidaten besser in Szene zu setzen.

 

»Es gibt Produzenten, die sagen, wir gehen hier nicht raus, bis einer weint«, erzählt Thomas K. »Der ORF ist da noch in den Kinderschuhen. Gott sei Dank.« Doch auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk versucht auf das dokumentarische Element bei Castingshows zu setzen. 2011 ging das Projekt Blockstars an den Start. Konzipiert wurde die Doku-Soap von Rapper Sido. Es sollten Sänger gefunden werden, deren »Leben voll Kacke ist, weil sie nur Scheiße bauen«, wie Sido in seinem YouTube-Aufruf verlautbaren ließ.

»Mir war schon bewusst, dass man versucht, uns wie dumme, asoziale Idioten darzustellen«, erzählt Dragan Juric. Wie ein abgebrühter Altstar wirkt der 22-Jährige, wenn er in einer Wiener Pizzeria von seinem Ausflug ins Showbusiness erzählt. Der gebürtige Kroate hat die Schule abgebrochen, wurde von seinem Vater verprügelt und lebte mit seiner depressiven Mutter in einer kleinen Wohnung in Wien. Den Frust hat er sich von der Seele gerappt und Videos davon online gestellt. Der perfekte Kandidat für Sidos Projekt. Mit seinem schwarz karierten Hemd und dem gepflegten Bart sieht Juric aus wie ein Wirtschaftsstudent. Bewusst wählt er seine Worte und vermeidet Kraftausdrücke.

Juric ist enttäuscht von Sido, der sich als Messias aufgespielt habe. Einem Kandidaten versprach er beispielsweise, ihm ein Aufenthaltsvisum zu organisieren, einem anderen, ihm einen Job zu besorgen, und einem weiteren, ihn von seiner Drogensucht zu kurieren. Passiert sei nichts von alledem.

Juric war der Star der Sendung und schaffte es, in Sidos Rapgruppe 3punkt5 aufgenommen zu werden. Ein Album spielte die vierköpfige Band ein, und es gelang ihr, damit in die Charts einzuziehen. Nach einem Jahr löste sich die Band auf. Missen möchte Juric die Erfahrung nicht. Er habe gelernt, wie ein Album produziert wird, wie Marketing funktioniert, und vor allem, wem er vertrauen dürfe. Dennoch würde er niemandem empfehlen, an einer Show dieser Art teilzunehmen: »Jeder Mensch, der in der Musikwelt etwas erreichen will, sollte sich von Castingshows fernhalten«, sagt Juric, »es ist eine primitive Welt, in der es nur um Geld und Quoten geht.«

Für die Sender sind solche Castingformate ein gutes Geschäft. Viele Kandidaten müssen nach dem Ende der Talentshow noch jahrelang Tantiemen an den Sender zahlen. Über Details der Verträge will kein Kandidat sprechen, es drohen hohe Strafen, wenn sie zu viel ausplaudern. Teilnehmer von ORF-Castingshows zahlen für die Dauer von drei Jahren 30 Prozent ihrer künstlerischen Einnahmen an die Tochterfirma ORF-Enterprise. »Bei Christl Stürmer war es ein Geschäft. Das ist toll aufgegangen«, sagt Edgar Böhm, »bei den anderen Kandidaten haben sich bestenfalls die entstandenen Kosten gerechnet.«

»Blutgeld« nannte Verena Pötzl die Abgaberegelung an den ORF. Die Tirolerin gewann 2004 die zweite Staffel von Starmania. Doch nach dem Anfangserfolg kam ihre Karriere einfach nicht vom Fleck. Irgendwann hatte die junge Frau genug davon, ziellos auf dem roten Teppich herumzustöckeln und die Seitenblicke-Berühmtheit zu mimen. Sie kehrte Wien den Rücken, ging zurück nach Innsbruck und heuerte als Verkäuferin bei einem Modediscounter an.

Mit Starmania hat die 34-Jährige ihren Frieden geschlossen. »Das sind ja nicht die Bösen, es ist eine Fernsehshow. Es hat mit Musik nicht viel zu tun. Und auch nicht mit der Realität«, sagt sie.

Doch die Realität holt viele Bewerber wieder ein. Von der psychischen Belastung ausgemergelte Gesangstalente bleiben ebenso auf der Strecke wie magersüchtige Ex-Models. Fabian Burstein möchte sich aller Geschädigter annehmen. Er vermittelt Psychiater und Suchttherapeuten und hält unter anderem für Jugendorganisationen Vorträge über die Auswirkungen von Castingshows. Mit seiner Gewerkschaft und dem Buch will er genügend Opfer mobilisieren, um Sammelklagen gegen Fernsehsender einbringen zu können.

In seinem Roman wird die fiktive Show erst eingestellt, als sich einer der Kandidaten das Leben nimmt. Begreift er das Buch als Weckruf? »In den vergangenen zehn Jahren sind Tausende in diesen Shows lächerlich gemacht worden. Die Juroren sehen diese Gefahr nicht«, sagt er. »Bis sich der erste einmal aufhängt.«