Volles Haus, der Champagner fließt. Auf der Bühne des Paradis Latin tanzen Frauen und Männer in knappen Kostümen, die der Phantasie wenig Platz lassen, anschließend wird eine Akrobatennummer geboten. Der Conférencier des Pariser Varietés, dessen Frisur so silbern glitzert wie sein Frack, begrüßt sodann ganz besondere Gäste: "Willkommen, Jungs von Renault!"

Da brandet Beifall auf. Schließlich weiß jeder im Saal, die Kollegen haben es gerade schwer. Diese Woche verhandelt ihre Firma mit den Gewerkschaften über den Abbau von 8.260 Arbeitsplätzen. Wenn die Belegschaft auf Lohnerhöhungen verzichtet und länger arbeitet, wird niemand entlassen, das ist das Angebot. Unter den Beschäftigten geht die Angst um, sie könnten das Schicksal der Kollegen von Peugeot und Citroën teilen. Deren Firma macht eine ganze Fabrik in Aulnay dicht, einem Vorort von Paris. Auch Zulieferer, Reifenwerke und Raffinerien sind gefährdet, den meisten anderen Branchen geht es nicht besser. Kein Tag vergeht, ohne dass den Franzosen vor Augen geführt wird: Die Krise kann jeden treffen. Das schlägt auf die Stimmung.

Frankreich ist seit einiger Zeit das Land der schlechten Wirtschaftsnachrichten. Im vergangenen Jahr schlossen 266 Fabriken, nur 166 neue entstanden. Ein Nettoverlust. Hatte die Wirtschaft 2011 noch ein Wachstum von 1,7 Prozent erreicht, schlug sie 2012 auf der Nulllinie auf. Die wird sie bis zur Jahresmitte nicht mehr verlassen, schätzt das Nationale Institut für Statistik und Wirtschaft (INSEE). Die Investitionen schrumpfen, die Arbeitslosenquote bewegt sich auf die elf Prozent zu.

Das ist sozialer Sprengstoff. Die Regierung weiß das. Sie bemüht sich, den kürzlich zwischen Unternehmern und einigen Gewerkschaften gefundenen Kompromiss zur Reform des Arbeitsrechts in Gesetzesform zu gießen, damit es an gefährdeten Standorten zu "Bündnissen für Arbeit" kommt. Der linke Flügel der sozialistischen Abgeordneten will aber nicht mitspielen: Lohnkürzungen, flexiblere Versetzungsregeln, so etwas ist nicht nach ihrem Geschmack. Ebenso wenig wie die Zumutung, dass Parlamentsabgeordnete einen von Dritten ausgehandelten Vertrag nur abzuzeichnen hätten.

Was tun? Frankreichs Präsident François Hollande reagiert auf charakteristische Weise: Er gibt den Störenfrieden Zucker. So will er ein Gesetz in die Assemblée nationale einbringen, das Unternehmen zwingt, rentable Fabriken zu verkaufen – anstatt sie dichtzumachen, wenn sie sich von ihnen trennen wollen. Damit steht eine verfassungsrechtliche Gratwanderung bevor. Im Übrigen weiß jeder, dass sich der Verfall der industriellen Basis auf diese Weise nicht aufhalten lässt; das Manöver ist rein politisch und soll die Linke beruhigen.

Beschäftigungspolitische Wirkung verspricht sich die Regierung eher vom "Kredit für Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung". Hinter dem Wortungetüm verbirgt sich ein Steuernachlass für Unternehmen, der sich aus ihrer Lohnsumme errechnet; er beträgt insgesamt 33 Milliarden Euro, verteilt auf zwei Jahre. Doch wer will vorhersehen, ob diese Subvention die Beschäftigung stabilisiert? Nur eines steht fest: Sie geht zulasten der Staatskasse.