Es lässt sich heute nicht mehr erahnen, welch ungeheures Ausmaß an magischer Energie und Zaubermacht zusammengetragen werden sollte. In den Materialien der kostbaren Gefäße, Figuren und Geschmeide, so wurde vermutet, schlummerten die geheimnisvollsten Kräfte der Natur. So entstand ein phantasmagorischer Kosmos, der gleichsam das Verlangen seiner Besitzer symbolisierte, über alle Wunder der Welt gebieten zu können. Es sind die Totems eines Herrscherclans, der sich über sechs Jahrhunderte lang an der Macht halten konnte. Man wandle durch "begehbare Träume", die von "namenloser Gier und Neugier" erzählten, meinte der Schriftsteller Gerhard Roth in seinem Bericht über einen Besuch in der Kunstkammer der Habsburger.

Wenn Sabine Haag, die Direktorin des Kunsthistorischen Museums in Wien, in diesen Tagen die Saalfluchten im Hochparterre ihres Hauses besucht, liegt noch ein Schleier der Stille über den Räumen. Die Vitrinen sind bereits befüllt: Tausende von Preziosen schimmern matt hinter Panzerglas. Nahezu lautlos huschen Kuratoren, Techniker und Handwerker an den Exponaten vorbei, bringen Objektbeschriftungen an und inszenieren die Effekte der Saalbeleuchtung. "Wie zu Weihnachten", sagt Sabine Haag, fühle sie sich inmitten der Schätze. Genauer: Es sind die magischen Momente, bevor die Wunderkerzen zur Bescherung zu sprühen beginnen.

Seit elf Jahren waren die Kostbarkeiten, welche Kaiser und Erzherzöge in vier Jahrhunderten in oft leidenschaftlicher Sammelwut angehäuft hatten, nicht mehr zugänglich. Nächste Woche wird die Neuaufstellung der erlesensten Kleinodien, rund ein Viertel des gesamten Bestandes, natürlich vom Staatsoberhaupt eröffnet.

Es ist der Augenblick, auf den Sabine Haag sechs Jahre lang zäh hingearbeitet hat. Sie erzählt, sie habe die Realisierung des Projekts zur Bedingung gemacht, als sie, die frühere Leiterin der Kunstkammer, ihrer Bestellung zur Generaldirektorin des gesamten Hauses zustimmte. Ein Großaufwand an Planung und Renovierungsarbeiten war notwendig, um die weltweit bedeutendste Sammlung ihrer Art in neuer Pracht erstrahlen zu lassen. Die Bausubstanz der Kunstkammer-Säle befand sich teilweise noch im Zustand des Fin de Siècle, als damals die Sammlungen der Habsburger auf die neuen Hofmuseen verteilt wurden. Besucher konnten dort schon seit Jahren nicht mehr Zutritt erhalten. Vereinzelte Preziosen aus dem Schoß der schlummernden Schönen wurden in anderen Räumlichkeiten präsentiert, sie selbst verblasste immer mehr in der Erinnerung.