Ronald Dworkin liebte es, Geschichten zu erzählen, und der glänzende Rhetor, der er war, trug sie stets ebenso geschliffen vor wie seine ausgefeilten rechtsphilosophischen Argumente. Eine seiner Lieblingsgeschichten war die vom Wunschtraum des ersten Tags im Paradies von Learned Hand, dem berühmten amerikanischen Richter, dessen Assistent Dworkin einst war: Der Tag beginnt mit einem Baseball-Match, bei dem Learned Hand kurz vor Schluss der entscheidende Home-Run gelingt, während am Nachmittag Ähnliches in einem himmlischen Football-Spiel geschieht. Der Tag klingt mit einem festlichen Dinner der größten Geister aller Zeiten (und "very dry Martinis") aus, und Voltaire, der an jenem Abend sprechen soll, wird nach kurzer Zeit barsch unterbrochen mit der Aufforderung, Platz für Learned Hand zu machen. Nun gab sich Dworkin zwar zeit seines Lebens keinen religiösen Spekulationen hin, aber man kann sich gut vorstellen, dass Hand jetzt an jener Tafel ernsthafte Konkurrenz bekommt.

Ronald Dworkin zu erleben war stets etwas Besonderes, und seine Vorträge waren so legendär wie das berühmte Kolloquium, das er gemeinsam mit Thomas Nagel an der New York University abhielt und in dem seine Geistesgegenwart einem den Atem nehmen konnte. So werden von Dworkin seine großen Werke bleiben, aber auch die Erinnerung an eine einzigartige und beeindruckende Person, die ebenso vornehm-freundlich wie in der Sache scharf und unnachgiebig sein konnte.

Auf dem Gebiet der Rechtsphilosophie war Dworkin das, was John Rawls für die politische Philosophie war – ein großer Linksliberaler, der eine Epoche prägte. Nachdem er in Oxford und Harvard Recht und Philosophie studiert hatte, praktizierte er das Recht eine Zeit lang, um anschließend an Universitäten wie Yale, Oxford, University College London und eben der New York University zu lehren.

Ihn trieb die Überzeugung an, dass es auf dem Gebiet der Grundfragen des Rechts und der Gerechtigkeit wahre und unumstößliche Prinzipien gibt und diese zu Grundrechten führen, die andere Werte absolut trumpften, auch und gerade dann, wenn die Mehrheit einer Gesellschaft dies mit ihrer sittlichen Überzeugung nicht vereinbaren kann. So kam ebenso seine Frontstellung gegenüber dem Rechtspositivismus seines Oxforder Vorgängers H. L. A. Hart zustande wie seine lebenslangen Auseinandersetzungen mit konservativen Rechtstheoretikern und Politikern, etwa in der New York Review of Books .

Dworkin war so sehr ein rundum belesener, sorgfältiger Wissenschaftler, wie er ein politischer Intellektueller war, der nicht vor Kontroversen zurückschreckte. Sein Eintreten für Bürgerrechte und soziale Gleichstellung im Sinne der affirmative action, für das Recht auf Meinungsfreiheit, auf Abtreibung und auf gesellschaftliche Chancengleichheit ist zum Modell des engagierten Rechtsdenkens geworden. Die Art, wie er den Grundsatz der persönlichen Freiheit mit dem umfassenden Anspruch auf Gleichheit verband, stellt für jeden eine Lehre dar, der meint, beide gegeneinander ausspielen zu sollen.

Etliche seiner Werke sind bereits zu Klassikern geworden – das Buch Bürgerrechte ernstgenommen ebenso wie seine Abhandlungen über Gleichheit, den Wert des Lebens oder die Interpretation des Rechts durch den Richter Herkules. Sein Magnum Opus Gerechtigkeit für Igel konnte Ronald Dworkin vor seinem Tod vollenden; es bündelt sein philosophisches Vermächtnis. Darin greift er den antiken Spruch auf, dass die Füchse viele Dinge kennen, der Igel aber um eine große Sache weiß. Der vielfach preisgekrönte Denker Dworkin war ein Igel, auch wenn er in vielen Hinsichten schnell wie ein Fuchs war. Die eine große Wahrheit, der er sich verpflichtet sah, ist die humanistische Überzeugung, dass wir im Bereich des praktischen Urteilens nicht nur von der Wahrheit geleitet sein müssen, sondern dass diese auch eine einzige, umfassende Wahrheit ist – die von unserer Würde als Menschen.

Diese Würde erfordert es von uns als Mitmenschen, andere als Freie und Gleiche zu respektieren, und sie verpflichtet uns als Einzelwesen dazu, aus unserem Leben etwas Erfolgreiches zu machen. Das gute und das gerechte Leben sind Dworkin zufolge eine Einheit, und wer sie – etwa in der Nachfolge Kants – aufspaltet, macht einen Fehler. Den größten Fehler aber machen die vielen sophistischen Füchse, die aus dem nie endenden Streit über das Recht oder die Gerechtigkeit den Schluss ziehen, dass es hier nichts Objektives zu behaupten gibt.

Es ist für einen Liberalen keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Wagnis, Aussagen über das gute Leben zu treffen. Dworkin, der späte jedenfalls, schreckte davor nicht zurück. Im Unterschied zum angenehmen Leben, so lehrte er, zeichnet es das wahrhaft gute Leben aus, dass es nach seinem Ende nicht zu Staub zerrinnt. Und auch ohne dass wir den Applaus für ihn an der ewigen Tafel der Geistesgrößen hören können, wissen wir, dass nach diesen Maßstäben am vergangenen Donnerstag, dem 14. Februar, als Ronald Dworkin mit 81 Jahren starb, ein gutes Leben zu Ende gegangen ist.