DIE ZEIT: Herr Rösler, Sie haben sich Steven Spielbergs Lincoln angeschaut. Haben Sie bei dem Film über den 16. US-Präsidenten etwas gelernt?

Philipp Rösler: Ein starker Film. Ich wusste zum Beispiel nicht, dass es die Republikaner und nicht die Demokraten waren, die gegen die Sklaverei gekämpft haben.

ZEIT: War Ihnen Lincoln sympathisch?

Rösler: Ja, weil er als Mensch dargestellt wurde. Es wurde gezeigt, wie er mit seinem kleinen Sohn umgeht, wie sich die Politik auf sein Leben auswirkt.

ZEIT: Vor allem wurde ein Politiker gezeigt, der alles tut, der sogar einen Bürgerkrieg verlängert, um seine Idee vom Richtigen durchzusetzen.

Rösler: So weitgehend würde ich das nicht interpretieren, aber es stimmt, Lincoln hatte eine absolute Überzeugung. Dafür hat er gekämpft.

ZEIT: Wie weit würden Sie gehen?

Rösler: Ich will mich nicht mit Lincoln vergleichen. Aber es ist meine Aufgabe, die Partei in einer Situation, die kaum jemals so schwierig war, zu stärken. Darauf konzentriere ich mich mit voller Kraft, da gehe ich momentan auch weit.

ZEIT: Es geht also darum, den Liberalismus zu retten?

Rösler: Zumindest den organisierten politischen Liberalismus. 1982 war ein Krisenjahr, als das Ende der sozial-liberalen Koalition in der Partei heftig umstritten war. Aber bereits ein Jahr später war diese Krise weitgehend überwunden. Nun ist die Lage anders. In Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und zuletzt Niedersachsen haben wir gute Wahlergebnisse erzielt, aber bis zur Bundestagswahl müssen wir bei den Umfragen zulegen. Ich bin aber zuversichtlich, dass das gelingt.

ZEIT: Sie sagen, dass Sie momentan weit gehen. Was heißt das für Sie: weit gehen?

Rösler: Als Wirtschaftsminister und Parteivorsitzender trage ich eine enorme politische Verantwortung. Danach richte ich mein gesamtes Leben aus. Ein Beispiel: Innerhalb von vier Tagen war ich bei einem Neujahrsempfang in Minden, danach im Silicon Valley in Kalifornien, dann in Brüssel wegen der europäischen Rohstoffpolitik, anschließend standen die Gespräche über die Strompreisbremse in Berlin an, und zuletzt war ich zu Wirtschaftsterminen in Algerien. Zwischendurch läuft die Wahlkampfplanung auf Hochtouren, und jetzt sitze ich hier mit Ihnen. Die Arbeit macht viel Freude, auch wenn ein Politiker mit dieser Verantwortung manches aufgibt.

ZEIT: Wann wäre für Sie eine Grenze erreicht?

Rösler: Wenn meine Frau zum Beispiel sagen würde, jetzt reicht es. Aber es ist gut zu wissen, dass sie voll hinter mir steht.

ZEIT: War das nicht der Fehler der Jungen in der FDP: dass sie nie wirklich so weit gegangen sind, mit aller Konsequenz für ihre Überzeugungen zu kämpfen? Jetzt haben Sie mit Brüderle den Mann als Spitzenkandidaten installiert, den Sie schon vor Jahren überwinden wollten.

Rösler: Von überwinden wollen kann keine Rede sein.

ZEIT: Mit Verlaub: Für Ihr Alter funktioniert Ihr Gedächtnis erstaunlich schlecht!

Rösler: Ich kann mich gut daran erinnern, dass Rainer Brüderle seit Jahren hervorragende Politik gemacht hat und dies auch weiter tut. Er und ich ergänzen uns hervorragend. Wir sprechen unterschiedliche Wähler an und vergrößern so die Erfolgschancen der FDP. Und die Jüngeren sind ja nicht weg. Im Gegenteil: Wir führen die Partei und treten für unsere Überzeugungen ein.