Plavšić war die einzige Frau, die vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag angeklagt wurde, und sie war eine der wenigen, die sich schuldig bekannten. So sind Frauen, sie geben Unrecht zu – dieses Klischee kam Plavšić zugute. Ihres Schuldeingeständnisses wegen wurde sie statt zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu elf Jahren verurteilt. Dass die Reue vorgetäuscht war, verkündete sie ein paar Jahre später. 2009 wurde sie aus der Haft entlassen, die sie in Schweden abgesessen hatte, wo einige vom Internationalen Gerichtshof Verurteilte ihre Strafe verbüßen. Sie hasse die Muslime noch immer, erklärte sie einer Journalistin, und die tolerante schwedische Gesellschaft mit der albernen Idee, alle gleich zu behandeln. Plavšić lebt heute in Belgrad, wo sie über beträchtlichen Immobilienbesitz verfügt.

Einigen Frauen wird es ganz recht sein, dass man von ihnen annimmt, sie seien harmlos

Der weibliche Blick: So lautet das Schlagwort der Stunde, das zwar nur von vager Bedeutung ist, aber eine gewisse Modernität verspricht. Alice Schwarzers weiblicher Blick brachte sie zu der Annahme, dass die amerikanische Soldatin Lynndie England von ihren männlichen Vorgesetzten dazu gezwungen worden sei, die irakischen Häftlinge in Abu Ghraib zu quälen. England sei kein "Subjekt" gewesen, sondern zum "Objekt" gemacht worden, schrieb Schwarzer – beides sind feministisch aufgeladene Begriffe. Auf den Bildern aus dem Gefängnis, die es von Lynndie England gibt, zeigt sie grinsend mit Zigarette im Mundwinkel auf eine Reihe Gefangener, die mit nichts als Säcken über dem Kopf bekleidet sind. Nach Pflichterfüllung sieht nicht aus, was England da tut.

Legt jemand die Hand dafür ins Feuer, dass die Welt besser wäre, wenn sie von Frauen bestimmt würde? Früher ging es der Emanzipationsbewegung um das demokratische Prinzip der Gleichheit. Eine Gesellschaft, die Männer und Frauen gleich behandelt, ist gerechter als eine von Männern beherrschte: Das war die einfache wie geniale Idee, aus der manche den Schluss zogen, dass Frauen die besseren Menschen seien und ihnen das moderne Denken in den Genen liege. Dass das Ende der Männer gekommen sei, behauptet der Titel eines Buchs der amerikanischen Autorin Hanna Rosin, das gerade auf Deutsch erschienen ist. Der Grund dafür sei, dass es Männern an sozialer Intelligenz und "der Fähigkeit, stillzusitzen und sich zu konzentrieren", mangele. Aus biologischen Geschlechterunterschieden Wesensmerkmale abzuleiten, vorgefertigte Meinungen zu haben über die eine Hälfte der Menschheit – das nannte man mal Sexismus. Und so bleiben Frauen bis heute "das andere Geschlecht", wie Simone de Beauvoir 1949 schrieb, nur dass sie jetzt nicht mehr als schwächer, sondern als die Sozialeren gelten.

Aber wenn die Geschichte der Männer die der Täter ist, ist die Geschichte der Frauen die der Mitläuferinnen. Mögen die Banker, die das Bankensystem zerstört haben, Männer sein, die Milliardenboni haben auch ihre Ehefrauen ausgegeben. Die Akteure der Wirtschaft sind Männer; die rücksichtslos produzierten Waren – in Kinderarbeit entstandene Mode, Kosmetik, für die Tiere sterben – werden von Frauen gekauft. Jedes menschenverachtende System, das es gegeben hat, wurde von Frauen mitgetragen und mitverteidigt. In den USA waren es die Frauen, die den schwarzen Sklaven im Haus die Befehle gaben – ein Grund, weshalb der Black Feminism, der in den siebziger Jahren nach Abschaffung der Rassengesetze in Amerika entstand, und der Feminismus der weißen Mittelklasse sich nie gut verstanden.

Hitler bekam von Verehrerinnen so viele Briefe, dass sich in der Reichskanzlei eigens jemand um diese sogenannten Frauenbriefe zu kümmern hatte. "Lieber Adi", schrieben die verliebten Frauen, und "Mein lieber zuckersüßer Adolf". Sie schickten ihm Honig für seinen Frühstückstisch, da sie sich um seine Gesundheit sorgten. Frauen waren in der Geschichte oft vom politischen Leben ausgeschlossen. Das heißt nicht, dass ihr moralischer Kompass verlässlich in die richtige Richtung zeigte. Oft schlugen sie sich auf die Seite der Herrschenden.

Als Marina Abramović als junge Künstlerin 1974 ihre Performance Rhythm 0 aufführte, stand sie in einem Ausstellungsraum und hatte um sich herum einige Gegenstände des Alltags arrangiert: eine Peitsche, eine Feder, ein Skalpell, eine Rose. Ein Schild forderte das Publikum auf, die Gegenstände nach Belieben gegen die Künstlerin einzusetzen. Die Besucher waren zunächst zögerlich, doch bald kippte die Stimmung, es wurde gewalttätig, so erzählt es Abramović in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. "Die Frauen aus dem Publikum legten nie selbst Hand an, aber sie gaben den Männern genaue Anweisungen, was sie mit mir anstellen sollten." So könnte man die Geschichte der Frauen auch erzählen: Die Frauen standen am Rand und feuerten die Männer an.

Es gibt wenige Diktatorinnen, aber jeder Tyrann hat eine Ehefrau. Ihre Rolle ist essenziell im Regime ihres Mannes. Asma al-Assad sieht gut aus, interessiert sich für Mode und arbeitete in London als Bankerin. Auch ihretwegen hätte die westliche Welt dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad beinahe abgenommen, dass seine Regierung streng, aber gerecht sei. Der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy aß mit den Assads im Élysée-Palast zu Mittag und sagte zu seinem Außenminister kurz vor Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs, der seitdem 70.000 Todesopfer forderte: Wenn Assad eine so moderne Frau habe, könne er gar nicht so schlimm sein.