Die weibliche Kriminalitätsrate ist überhaupt erst seit der Erfindung der bürgerlichen Frau so niedrig. Eine Studie, die die Gerichtsakten am Zentralen Strafgerichtshof von London zwischen 1687 und 1912 ausgewertet hat, belegt, dass bis ins 18. Jahrhundert beinahe ebenso viele Frauen wie Männer kriminell wurden. Sie machten 45 Prozent der Angeklagten aus, und sie waren nicht nur wegen sogenannter Frauendelikte wie Hexerei oder Kindstötung angeklagt, sondern auch wegen Mord, Raub und Betrug. Erst ab dem 19. Jahrhundert sank der weibliche Anteil an Straftätern, bis er 1895 bei unter zehn Prozent lag. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die bürgerliche Gesellschaft eingerichtet, und die Lebenswelten von Männern und Frauen waren vollkommen voneinander getrennt. Eine Frau der bürgerlichen Schicht verließ praktisch nicht allein das Haus und trank wenig Alkohol, der bei Straftaten damals wie heute eine große Rolle spielt. Diejenigen, die auffielen, erklärte man schnell für geisteskrank und steckte sie kurzerhand ins Irrenhaus, wo Frauen bald den deutlich größeren Anteil ausmachten. "Mad not bad" nennt die Juristin Lucia Zedner von der Universität Oxford dieses Prinzip. Mit der Stilisierung der Frau zum Wesen von Reinheit und Güte entstanden auch bei Richtern und Polizisten falsche Sensibilitäten, weshalb Frauen bis heute seltener verdächtigt und seltener verurteilt werden.

Dass Frauen nicht so oft in der Kriminalstatistik auftauchen, hängt also nicht mit ihrem Wesen zusammen, sondern mit ihrem Verhalten und dem der Gesellschaft, das eine kulturelle Größe ist und sich über die Zeiten ändert. Frauen, die gleichberechtigt sind, sind nicht besser als Männer. Dafür spricht auch, dass die Kriminalität unter jungen Mädchen in den letzten Jahren zugenommen hat. In Baden-Württemberg stieg von 2000 bis 2009 die Zahl der Straftäterinnen zwischen 14 und 18 Jahren um 23 Prozent. Im selben Zeitraum stieg auch die Zahl der Schuldsprüche gegen Frauen wegen Gewaltstraftaten – und zwar um 65 Prozent. Der Rechtsmediziner Püschel stellt fest, dass Frauen bei der Selbsttötung nicht mehr vor den harten Methoden wie dem Erhängen und dem Sturz aus der Höhe zurückschrecken. Weibliche Gewalt: ein Kollateralschaden der Gleichberechtigung.

Frauen sind wie Männer zu extremer Gewalt fähig, doch dieser Umstand passt nicht zu unserem Bild der Frau als einer, die immer mit sich reden lässt. Gewalttätigkeit ist meistens die falsche Lösung eines inneren Konflikts und wendet sich gegen die, die sich nicht wehren können. Bei Frauen sind das Kinder. Der Anteil der Täterinnen in Fällen von Kindesmisshandlung liegt nach Angaben von Nahlah Saimeh, der Ärztlichen Direktorin im Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt, bei bis zu 67 Prozent.

Der sogenannte Neonatizid, die Tötung des eigenen Kindes in den 24 Stunden nach der Geburt, wird fast ausschließlich von Frauen verübt, sagt Saimeh. Der Anteil weiblicher Täter sei auch beim Infantizid, der Tötung des eigenen Kindes im ersten Lebensjahr, hoch. Nicht alle Täterinnen seien schuldunfähig, weil psychotisch, und nicht immer seien es junge, alleinstehende Frauen, die ihr Kind aus Verzweiflung umbringen. Der Kindsmord ist ein Phänomen, über das Mediziner sich Gedanken machen: Warum kommt es noch dazu, trotz Babyklappe und Zugang zu Verhütungsmitteln, trotz liberaler Abtreibungspolitik und einer liberalen Haltung gegenüber alleinerziehenden Müttern?

Klaus Beier, Leiter des Instituts für Sexualmedizin an der Charité in Berlin, sagt, dass Frauen, die ihre Kinder nach der Geburt töteten, unter einer Sexualstörung litten, die die "reproduktiven Anteile von Geschlechtlichkeit" betreffe. Sie verdrängten die Schwangerschaft, man spreche von "negierter Schwangerschaft", und sie würden von der Geburt überrascht. Doch in der Öffentlichkeit werden die Ursachen für die Kindstötung immer mit der Opferrolle erklärt. Die unschuldig Verführte, die im Stich Gelassene, zum Äußersten Getriebene – diese Vorstellung haben wir von Goethe und seinem Gretchen aus dem 19. Jahrhundert übernommen.

Für die Sexualstörungen der Männer interessiert man sich sehr. Der Pädophile, der Vergewaltiger, der Grabscher, es sind Bilder von Männern, die wir im Kopf haben. Dass Frauen auch unter Störungen leiden, die das sexuelle Erleben und Verhalten bestimmen – darüber sprechen wir weniger gern. Bei Männern wirken sich die Störungen oft auf das Begehren aus, sie äußern sich als Fetischismus oder Pädophilie. Bei Frauen betreffen die Störungen das innere Genital, die Gebärmutter, und die Fragen der Reproduktion, die damit verbunden sind. Doch der Sexualtrieb einer Frau ist immer noch ein großes Tabu, vor allem wenn er düster und zerstörerisch ist.

Dass Frauen gutherzig sind, war lange männliches Wunschdenken. Heute können Frauen sich so fühlen, als hätten sie immer auf der richtigen Seite der Geschichte gestanden, auf der Seite der Entrechteten. Dabei ist die Gruppe der Frauen viel zu heterogen, um allgemeine Behauptungen aufzustellen. Oft genug gehörten Frauen zur herrschenden Klasse und waren Teil des Systems. Frauen zu Schoßhündchen zu machen war im Biedermeier eine gesellschaftliche Idee, deren Sinn darin lag, die Härten des Frühkapitalismus abzufangen. Damals erschienen die großen Frauenromane, Effi Briest, Anna Karenina, Madame Bovary – Frauen galten als diejenigen, die noch Liebe empfanden in einer kalten, funktionalen Gesellschaft. Ist es Zufall, dass gerade heute die Frauen wieder zu besseren Menschen stilisiert werden? Geht es darum, dem entfesselten Kapitalismus, vor dem sich derzeit viele fürchten, ein menschliches Antlitz zu verleihen, ohne die tieferen Strukturen infrage zu stellen? Als wäre es leichter, von jemandem gefeuert zu werden, der einem die Kündigung in sanftem Ton unter Einsatz seiner sozialen Intelligenz ausspricht.