Wer an einem dunklen Winterabend durch die teuren Viertel von Nizza, Cannes, Antibes, Monaco oder Menton spaziert, sieht viele dunkle Fenster. Die Villen am Meer werden nur im Sommer bewohnt oder stehen sogar das ganze Jahr lang leer. Kaum Schilder oder Klingeln am Eingang, immer Kameras.

Die südfranzösische Côte d’Azur sei "ein Paradies für vermögende Despoten", sagt die französische Organisation für die Opfer von krimineller Wirtschaft, Sherpa. Der Landstrich mit seinen 260 Sonnentagen im Jahr hat neben Millionen Touristen seit je auch dubiose Herrscher angezogen: Im Hafen von Nizza ankerte die Jacht Breece Ocean des irakischen Diktators Saddam Hussein. Der Despot des Gabun, Omar Bongo, besaß hier ein Dutzend Villen. Nun, zwei Jahre nach der Revolution in Tunesien, fahndet die Pariser Staatsanwaltschaft nach Anwesen und Vermögen des früheren tunesischen Staatschefs Ben Ali.

Ben Ali kam im Januar 2011 zu Fall und setzte sich nach Saudi-Arabien ab. Laut Forbes-Liste soll er rund fünf Milliarden Euro besitzen und wäre somit einer der reichsten Männer der Welt. Die EU hat die Konten von 48 seiner Familienmitglieder eingefroren – nach den europäischen Immobilien und Luxusgütern suchen die Staatsanwälte der einzelnen EU-Länder.

Einem Tunesier in Nizza gehen die Ermittlungen viel zu langsam. Er heißt Mouhamad Béchir, ist 65 Jahre alt und Rentner. Er trägt abgewetzte Lederschuhe und eine Baseballkappe auf dem Kopf, seine Worte wählt er mit Bedacht. Man trifft ihn im tunesischen Café Djerba, wo er morgens vorbeischaut, um starken Kaffee aus einer fingerhutgroßen Tasse zum Honiggebäck zu trinken. Zuletzt arbeitete er als Kameramann für den staatlichen Sender France 2. Als Student sei er nach Frankreich gekommen, sagt er, weil er die Unterdrückung in Tunesien nicht mehr habe ertragen können. Seine eine Tochter arbeite für das französische Fernsehen, eine andere als Diplomatin, aber sein Herz schlage noch immer für Tunesien.

Als Ben Ali die Flucht ergriff, lud Béchir Tunesier in Nizza zu Treffen ein, um Hinweise auf seine Immobilien und Reichtümer zu sammeln. "Ich habe mein Leben lang für ein demokratisches Tunesien gekämpft", sagt er. "Unser Diktator hat das Geld vom Volk gestohlen und muss es ihm nun zurückgeben." An Gerüchten über Ben Ali fehlt es nicht. In der örtlichen Zeitung Nice Matin sagt eine nur mit Vornamen benannte Person aus, er habe in einer Villa in Saint-Tropez gelebt, eine andere will seine Familie im Nachbarort Ramatuelle gesehen haben. Ein Taxifahrer gibt an, ihn zu einem Haus in Monaco gefahren zu haben. Beweise gibt es nicht, und noch ist auch nicht bekannt, welche Villen ihm gehören – jedenfalls hüllen sich die zuständigen Pariser Staatsanwälte in Schweigen.

Im Dezember 2011 organisierte der rebellische Béchir eine Demonstration. 60 Tunesier mit Plakaten versammelten sich vor dem Restaurant La Toscana im benachbarten Antibes. Das Restaurant, behauptet Béchir, gehöre einem gewissen Abdelhakim Hamila, welcher ein Günstling im Clan Ben Alis gewesen sei. Hamila hat ihn deshalb wegen Diffamierung angezeigt.

Das La Toscana ist ein durchschnittliches Lokal mit Mittagsbuffet, einem Tagesgericht für neun Euro und einem Saal, der 200 Personen fasst. In den Ferien essen hier die Touristen, im Winter nur einige Bauarbeiter und Angestellte aus den umliegenden Büros. Die italienische Pizzeria wechselte in den letzten Jahren mehrmals den Besitzer, bis Hamila sie schließlich erwarb und unter zweien seiner Söhne und einer nicht näher benannten Gesellschaft aufteilte. So sagt es Hamilas Anwalt.

Béchir dagegen behauptet, das Lokal sei mit veruntreutem Geld gekauft worden, um es zu waschen. Stolz zeigt er ein Dokument vor. Das Papier soll der Abschlussbericht der "tunesischen Kommission für Finanzanalysen" sein, datiert vom Februar 2011, mit Stempel besiegelt und von einer amtlichen Übersetzerin aus Marseille vom Arabischen ins Französische übersetzt. Auch Béchirs Anwalt David Rebibou nickt dazu. Wir können es lesen, dürfen es aber weder abfotografieren noch kopieren.

Abdelhakim Hamila wird in dem Bericht als Strohmann von Ben Ali bezeichnet, er soll zwei Millionen tunesische Dinar, 37 Millionen Euro und 69 Millionen Dollar besitzen. Dieses Geld soll bar auf diverse Konten eingezahlt worden sein. Zum Beispiel erscheinen vom 24. August 2007 bis zum 10. Februar 2010 insgesamt 28 Einzahlungen in Höhe von rund acht Millionen Euro auf das Konto CH 9808689050912511990 bei der HSBC Privatbank in Genf. Weitere Millionen sollen auf ein zweites Konto derselben Bank gegangen sein und einige Dutzend Überweisungen auf libanesische Institute. Die auf Hamilas Namen laufende Gesellschaft Societé Zenade Ressource mit Sitz auf den britischen Jungferninseln wird als "zu dem Präsidenten Ben Ali und seiner Schwiegerfamilie Trabelsi gehörig" aufgeführt. Die Firma solle allein der Geldwäsche dienen.

"Seit 20 Jahren wettern Regierungen gegen die Korruption – aber an dem Grundübel der Steuerparadiese und Geheimkonten hat sich nichts geändert", sagt William Bourdon, Präsident der Organisation Sherpa, den wir in Nizza treffen. Der Jurist mit dem vor Empörung schnell zusammengekniffenen Gesicht sitzt an diesem sonnigen Februarnachmittag in einem Hörsaal. Das Magazin Marianne hat ihn eingeladen. An die 200 Leute wollen seinen Vortrag über "dreckiges Geld" hören.

Unter ihnen sind viele Tunesier. Nizza hat neben Marseille die größte tunesische Gemeinschaft in Europa. Tunesien war bis 1956 französische Kolonie, hat Französisch als Amtssprache und ist ein wichtiger Handelspartner Frankreichs. "Die Gleichung ist einfach", sagt Bourdon. "Wenn Ben Ali Millionen aus dem Staatshaushalt entwendet, fehlen in Tunesien Schulen und Krankenhäuser."

Neben dem Bankensektor profitiert die Immobilienbranche vom Herrschergeld. Makler verkaufen in Südfrankreich die teuersten Villen der Welt, auf den palmenbestandenen Halbinseln vor Antibes oder Monaco kosten sie zwischen 30 und 50 Millionen Euro. Ein diskretes Geschäft. An der Côte d’Azur war keine von fünf angeschriebenen Immobilienagenturen bereit, über den Umgang mit Mittelsmännern und die offenbar sehr wohlhabenden Klienten aus Unrechtsstaaten zu reden – nicht einmal anonym.