Die Szene, gleich die erste, ist nur eine Simulation, aber sie entspricht der Realität: Das Zielradar einer Drohne erfasst ein Objekt im Gazastreifen, ein dunkles Fahrzeug. Siegessicher folgt es dem Todeskandidaten, lässt ihm gnädig noch etwas Bewegungsraum. Dann ein Zucken, die Rakete schlägt ein. Alle Insassen wären tot.

"Gezielte Tötung" nennt der Schin Bet die Exekutionen aus der Luft; das Ziel sind Hamas-Terroristen und Drahtzieher vom Islamischen Dschihad. Schin Bet ist der frühere Name des israelischen Inlandsgeheimdienstes, zuständig für Terrorabwehr. Seine Chefs stellt man sich als Hardliner vor, als ergebene Diener ihres Staates, die in dröhnendes Gelächter ausbrechen, wenn sie bloß das Wort hören: "Friedensprozess".

Undenkbar, dass sich ehemalige Schin-Bet-Direktoren vor der Kamera äußern und offen reden über ihre Arbeit, über ihr Land, über die Palästinenser. Aber sie haben es getan. Ami Ajalon, Yuval Diskin, Avi Dichter, Carmi Gilon, Jaakow Peri und Avraham Shalom haben dem israelischen Dokumentarfilmer Dror Moreh Auskunft gegeben, und was sie sagen, hat man noch nie gehört: Sie bekennen, dass es Momente gibt, in denen ihr Leben stehen bleibt, nachts oder im Urlaub. "Du denkst, das ist doch nicht normal: diese Macht, das Leben von Menschen, wenn auch von Terroristen, in einer Sekunde auszulöschen." Sie sagen, dass Israel jede Schlacht gewinne, aber den Krieg verliere. Sie sagen, den meisten Ministerpräsidenten seien die Palästinenser gleichgültig gewesen. Ehud Barak, auch das sagt ein Schin-Bet-Chef, habe in Camp David Arafat erpresst und prahle damit, die meisten Siedlungen gebaut zu haben. "Wir hätten abziehen sollen, bevor sie uns rauswerfen wollten. Jetzt machen wir das Leben von Millionen Menschen unerträglich, wir verlängern ihr Leid maßlos."

Töte zuerst (The Gatekeepers) heißt der Dokumentarfilm, den Arte (am 5. März um 20.15 Uhr) und die ARD (am 6. März um 22.45 Uhr) senden werden und der die Zuschauer in aussichtslose Paradoxien entlässt. "Wir wollten Sicherheit", sagt zum Beispiel Ami Ajalon, "und bekamen den Terror. Die Palästinenser wollten ihren Staat und bekamen immer mehr jüdische Siedlungen." Oder: Gezielte Tötungen brächten niemanden zur Vernunft, jeder liquidierte Terrorist schaffe einen neuen. Doch der Umkehrschluss, wirft Avi Dichter ein, gelte auch nicht. "Man könnte denken: Lassen wir das Töten, dann hören sie auch auf. Die Rechnung stimmt nicht: Sie machen weiter."

Gewalt und Gegengewalt, so behaupten die Geheimdienstler, hätten bereits den "Charakter des Volkes" verändert. Israel sei eine "brutale Besatzungsarmee geworden" (Avraham Shalom), das Land sei "grausam gegen sich selbst" und "grausam gegenüber den Palästinensern, die wir beherrschen, mit der Ausrede, den Terror zu bekämpfen". Einmal liest Dror Moreh seinem Gegenüber Yuval Diskin Sätze des jüdischen Philosophen Jeschajahu Leibowitz aus dem Jahr 1968 vor: Israel werde sich in einen "Überwachungsstaat verwandeln, in ein korruptes Kolonialregime, das die Araber unterdrückt und sich Verräter heranzieht". Nein, sagt Diskin, Israel sei kein "Geheimdienststaat", aber sonst stimme jedes Wort. Der Film lässt die Szene stehen, und später kommt Jaakow Peri zu Wort: "Um Mitternacht hämmerst du an die Tür und weckst eine Familie. Das Weinen der Mutter, die letzten Momente des Abschieds des Verdächtigen, den du aus den Armen seiner Familie reißt. Du siehst eine leidende Familie, aber das Schwerste ist, was zwischen Eltern und Kindern vorgeht, das prägt sich dir tief ein. Wenn du aus dem Dienst ausscheidest, stehst du politisch ein wenig links."

Wer all das gesehen hat, glaubt nicht mehr an den Frieden

Das Gefängnis, in das die Verdächtigen gebracht werden, sei "so schrecklich, dass jeder freiwillig den Mord an Jesus gesteht". Schlafentzug, stundenlange erniedrigende Sitzhaltungen, dann schütteln, Augen verbinden, Angst einflößen. "Du musst mit allen Mitteln arbeiten, die dir zur Verfügung stehen." Als nach den verheerenden Busattentaten 1994 ein Palästinenser an einem Schütteltrauma starb, kam es zum Streit über die Verhörmethoden. Ohne das brutale Schütteln sinke die Aufklärungsquote, siebzig statt neunzig Prozent. "Wollen Sie das?"

Dann fragt Dror Moreh den ältesten Schin-Bet-Direktor, Avraham Shalom, nach dem Fall "Bus 300". Vier Palästinenser hatten 1984 einen Linienbus gekapert, zwei waren erschossen worden, zwei hatten überlebt. Shalom ordnete an, "der Sache ein Ende zu machen". Die Soldaten brachen den Attentätern die Knochen und schlugen ihnen mit Steinen den Schädel ein. Warum? "Ich wollte keine Terroristen vor Gericht." Und die Moral, fragt Moreh. "Moral? Wenn es um Terror geht, gibt es keine Moral. Wo ist die Moral bei einem Terroristen?"

Die Schin-Bet-Chefs sind nicht immer einer Meinung, aber dass die Ermordung von Ministerpräsident Rabin die Wende war, das sagen sie alle. Damit sei der Friedensprozess zum Stillstand gekommen; der Mörder, klagt Carmi Gilon, habe sein Ziel erreicht, "er hat den Lauf der Geschichte geändert, bis heute". Israel sei nun tief gespalten, und über die radikale Rechte mache man sich sowieso keine Illusionen. Einmal habe eine Gruppe Fanatiker Anschläge auf Bürgermeister in Nablus und Ramallah verübt und außerdem 250 Palästinenser töten wollen. Sie wurden verurteilt, kamen aber auf Betreiben von Regierungskreisen rasch wieder frei. Ein streng Religiöser sagt in die Kamera: "Den Palästinensern, denen wir die Beine abgehackt haben, geschah dies zu Recht."

Historische Aufnahmen ergänzen die Interviews, einige davon wird ein deutscher Zuschauer noch nie zu Gesicht bekommen haben. Wer all das gesehen hat, glaubt nicht mehr an den Frieden, an ein Ende des Siedlungsbaus, an einen palästinensischen Staat. Doch wenn es diesen Staat nicht gibt und die Palästinenser nicht repräsentiert werden, auch das lernt man, gibt es immer eine Gruppe, die profitieren will, wie damals, als die PLO dem Terror abschwor und ein Vakuum entstand, das Hamas sofort ausnutzte. Was tun? Eine militärische Lösung, sagt Avi Dichter, gebe es nicht; Frieden gründe auf Vertrauen, nicht auf Waffen. Also müsse man reden. Auch Avraham Shalom will mit allen reden, sogar mit Hamas. Reden mit dem Todfeind, der nur eines will: dass die Juden vom Erdboden verschwinden.

Der Dokumentarfilm "Töte zuerst" läuft am 5. März um 20.15 Uhr auf arte und am 6. März um 22.45 Uhr in der ARD.