DIE ZEIT: Frau Güler, sind Sie eigentlich schlecht integriert?

Serap Güler: Ich glaube, ich bin ganz gut durchgekommen bis jetzt. Warum?

ZEIT: Sie sind in Deutschland geboren, waren einige Jahre im Staatsdienst, sind Christdemokratin – und trotzdem haben Sie erst vor drei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt – warum haben Sie so lange damit gewartet?

Güler: Ich habe gezögert, weil ich immer dachte: Das muss doch bald kommen, es kann doch nicht sein, dass wir immer noch an dieser starren Regelung festhalten. Als Bürgerin eines so modernen Landes habe ich es einfach nicht eingesehen, mich für eine Staatsbürgerschaft entscheiden zu müssen...

ZEIT: ...wie es das deutsche Gesetz von den meisten Eingebürgerten verlangt.

Güler: Ich wollte nicht auf die türkische verzichten, weil sie zu meiner Identität gehört – und zur Einwanderungsgeschichte meiner Familie. Der eine oder andere mag eine Staatsangehörigkeit als ein Stück Papier abtun, das sind aber meistens Menschen, die nie in der Situation waren, sich entscheiden zu müssen. Es ist ein Stück Identität, das man aufgibt, und es tut irgendwie weh.

ZEIT: Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Güler: Mein Schlüsselerlebnis war die Landtagswahl 2010 in NRW. Ich konnte als türkische Staatsbürgerin wieder nicht mitwählen. Das war nicht länger tragbar für mich.

ZEIT: Hand aufs Herz: Haben Sie insgeheim gehofft, dass Rot-Grün an die Regierung kommt, damit die doppelte Staatsbürgerschaft kommt?

Güler:(lacht) Bei aller Sympathie für das Thema – aber nein, sicher nicht.

ZEIT: Kann die doppelte Staatsbürgerschaft die Integration fördern?

Güler: Die Frage nach der Integration ist schwer zu beantworten. Ich kenne sehr viele Menschen, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft haben und sich diesem Land total verbunden fühlen – und ich kenne welche, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben, aber nicht als Deutsche angesehen werden wollen. Ich selbst war bis vor drei Jahren nicht weniger integriert oder Deutschland gegenüber illoyal, nur weil ich die türkische Staatsangehörigkeit hatte.

ZEIT: Also ist es für die Integration egal?

Güler: Egal nicht, aber nicht entscheidend. Die doppelte Staatsbürgerschaft könnte dazu beitragen, dass sich viele Zuwanderer Deutschland verbundener fühlen. Auch würden mehr Migranten die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, wenn sie ihre alte behalten dürften.

ZEIT: Wie war denn Ihre Einbürgerung?

Güler: Ach, total nüchtern. Das hat zehn Minuten gedauert. Wenn überhaupt. Es gab keine Zeremonie.

ZEIT: Ist eine Zeremonie wichtig?

Güler: Es gibt Menschen, die warten ein Jahr oder länger darauf, da wäre es schon nett, mehr als nur die Einbürgerungsurkunde zu bekommen und einen feuchten Händedruck. Zu mir sagte die Sachbearbeiterin noch: "Herzlich willkommen!" Ich wurde ja hier geboren, ich brauche kein Willkommen. Aber jemand, der erst wenige Jahre in Deutschland ist – für so jemanden wäre eine Zeremonie wie in den USA schon eine schöne Geste.

ZEIT: Ihr Parteifreund Wolfgang Schäuble hat mal gesagt, die doppelte Staatsbürgerschaft schaffe doppelte Loyalitäten.

Güler: Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sind nun einmal Menschen mit zwei Heimaten. Vergleichbar mit einem Kind, dass sich seinem Vater und seiner Mutter gleichermaßen verbunden fühlt. Sie haben ein Vaterland und ein – so wie man es im Türkischen sagen würde – Mutterland. Das bedeutet also nicht, dass man einen Loyalitätskonflikt haben muss. Bei meinem Parteikollegen David McAllister, der die deutsche und die britische Staatsangehörigkeit hat, macht sich zu Recht auch niemand Sorgen um seine Loyalität.

ZEIT: Bei EU-Bürgern ist Mehrstaatlichkeit möglich. Warum tut sich Ihre Partei bei anderen Herkunftsländern so schwer?

Güler: Das Problem ist, dass wir das Thema innerhalb meiner Partei so diskutiert haben, als wäre die innere Sicherheit Deutschlands in Gefahr, wenn wir bei Deutschtürken die doppelte Staatsbürgerschaft zulassen. Dass beispielsweise Kriminelle nicht mehr ausgeliefert werden, wenn sie sich als auch türkische Staatsbürger in die Türkei absetzen. Da werden Tausende für die Vergehen einiger weniger mit in Haft genommen.

ZEIT: Ist die Stimmung in der CDU generell gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, oder wird hinter verschlossenen Türen gelassener darüber gesprochen?

Güler: Wir haben kürzlich in der Landtagsfraktion darüber gesprochen, und Sie können sicher sein, dass ich da nicht wegen meiner Haltung gesteinigt wurde. Es gibt viele Kollegen, die sagen, dass sich unsere Partei bewegen muss. Dass sich da etwas ändern muss. Ich bin mit meiner Meinung keinesfalls allein. Es wird sich etwas ändern, da bin ich sicher.

ZEIT: Warum sind Sie in die CDU eingetreten?

Güler: Es gibt Christdemokraten, die ich persönlich sehr bewundere und die ich mit der CDU als Erstes verbinde. Rita Süssmuth ist so jemand oder Ruprecht Polenz. Heiner Geißler war Ende der achtziger Jahre einer der Ersten, die von der multikulturellen Gesellschaft gesprochen haben. Das sind die Namen, die ich nannte, als mich Freunde fragten: Warum, um Himmels willen, bist du in der CDU, die machen doch Politik gegen Migranten? Das stimmt einfach nicht.

ZEIT: Aber die CDU macht Politik gegen die doppelte Staatsbürgerschaft.

Güler: Bei der Frage stehe ich außerhalb der Parteilinie. Aber so ist es manchmal in einer Volkspartei. Das passiert anderen Parteifreunden bei anderen Fragen ja auch.