Das schöne Bad Hersfeld in Hessen – das mit den Festspielen und der Stiftsruine – beherbergt nicht nur jenes Gymnasium, an dem einst Konrad Duden lehrte, sondern auch zwei heutige Giganten der Schriftkultur, ein Vertriebslager von Amazon und das Logistikzentrum des Buchgroßhändlers Libri. Das heißt, wenn man im Internet oder im Buchladen irgendeinen Bestseller bestellt, sagen wir mal, den Hitlerroman von Timur Vermes Er ist wieder da, und den Schinken schon nächsten Tag im Briefkasten hat oder bei dem verschnarchten Buchhändler abholen kann, dann müsste es mit dem Teufel zugehen, wenn die Schwarte nicht aus Bad Hersfeld geliefert worden wäre, nämlich entweder von Amazon frei Haus oder von Libri zum Händler. Kurzum, Bad Hersfeld ist eine, wenn nicht die wichtigste Quelle von Büchern im ganzen Land, und da lag es für die Stadtoberen nahe, zu fragen, ob Bad Hersfeld wirklich immer nur Bücher versenden müsse – oder ob die Stadt vielleicht auch mal selber eines lesen könne? Und so dauerte es nicht lange, bis es zu der Aktion kam »Bad Hersfeld liest ein Buch«. 2008 las man zum Beispiel Im Krebsgang von Günter Grass, letztes Jahr Die Frau, für die ich den Computer erfand von Christian Friedrich Delius. Aber wie hat man das gemacht? Dass eine ganze (wenngleich kleine) Stadt ein Buch lesen konnte? Nun, da hat man Filmvorführungen gemacht und Lesungen und Diskussionen – das Übliche eben, was man auch in anderen Städten macht, um dem Publikum das eigentliche Lesen zu ersparen, das sonst unweigerlich zum Zerlesen, schließlich Unleserlichwerden des Buches führt. Nur jetzt, in diesem Jahr 2013, wollte die Sache nicht so glatt laufen, weil die Jury ausgerechnet jene Hitlerschwarte zur Stadtlektüre vorgeschlagen hat, die wir auch gerade im Internet (oder beim Buchhändler) kaufen wollten: Er ist wieder da von Timur Vermes. Denn das hat die Stadtoberen sehr erschreckt, und dann haben sie nachgedacht und gerechnet und schließlich gesagt, das könnten sie nicht finanzieren – nämlich die Plakate und Broschüren, auf denen stehen müsste, dass ER in Wahrheit natürlich nicht wieder da sei und dass man darüber nicht traurig sein dürfe, auch an den Schulen nicht und so weiter und so fort. Deswegen muss sich jetzt die Jury entweder ein anderes Buch ausdenken oder selber schreiben (vielleicht mit dem Titel »Er ist doch nicht wieder da«) oder die Stadt muss zur Wahrheit zurückfinden, die da lautet: Bad Hersfeld liest kein Buch.

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