DIE ZEIT: Herr Bogdal, die Romvölker sind mit mehr als zehn Millionen Menschen Europas größte Minderheit. Dennoch erregt der Hass gegen sie so gut wie keinen Protest. Woher rührt diese Blindheit gegenüber Leben und Leiden der Sinti und Roma?
Klaus-Michael Bogdal: Es bleibt ein bitterer Widerspruch: Wir Europäer beschwören gern die Menschenwürde und fordern die Anerkennung des Individuums als Rechtssubjekt. Für die Roma aber scheint uns dies noch immer nicht selbstverständlich. Schon früh wurden sie als ehrloses Volk angesehen, das keinerlei Rechte zu beanspruchen habe. Und bis heute stellen sie eine Gruppe dar, auf die sich Vernichtungsfantasien richten. Die Literatur hat uns dabei über Jahrhunderte darin eingeübt, Gewalt gegen sie für legitim zu erachten: In Nikolaus Lenaus Epos Die Albigenser von 1842 etwa werden "Zigeuner" nach einem von ihnen begangenen Kreuzfrevel samt ihren Kindern von Raben zerhackt.