Die meisten Sitzungsprotokolle landen ungelesen in den Akten oder Schubladen – nicht so die Mitschriften der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed). Sie werden wenige Wochen nach dem Sitzungstermin im Internet veröffentlicht und von Anlegern aus aller Welt begierig durchforstet.

Am Mittwoch der vergangenen Woche gab es interessante Neuigkeiten. Aus Sicht mehrerer Mitglieder – die Namen werden traditionell nicht genannt – des für die Geldpolitik zuständigen Offenmarktausschusses der Fed nähmen die Risiken der Niedrigzinspolitik in den USA zu, so war auf Seite 13 des Protokolls zu lesen. Prompt gingen die Weltbörsen auf Talfahrt.

Eine Wende zu höheren Zinsen in den USA wäre ein Großereignis an den internationalen Finanzmärkten. Als Notenbank der wichtigsten Volkswirtschaft der Welt gibt die Fed an den Börsen den Takt vor. Seit Jahren überschwemmen die Washingtoner Währungshüter die Welt mit Geld, sie stützen dadurch die globale Konjunktur und die Aktienmärkte. Die Zinssätze in den USA liegen bei fast null Prozent, zudem kauft die Fed Monat für Monat für fast 100 Milliarden Dollar amerikanische Staatsanleihen auf. Ein Wegfall des Stimulus könnte zu erheblicher Unruhe an den Märkten führen.

Notenbankchef Ben Bernanke will das im Moment noch nicht riskieren. Er hat versprochen, die geldpolitischen Zügel erst dann wieder zu straffen, wenn die Arbeitslosigkeit auf 6,5 Prozent gefallen ist. Erst dann baut sich aus Bernankes Sicht über steigende Löhne Inflationsdruck auf. Das bedeutet: Die Anleihekäufe werden wohl noch eine Weile fortgesetzt werden, denn derzeit liegt die Arbeitslosenquote bei 7,9 Prozent.

Seine Gegner wollen das Experiment schon früher beenden. Sie fürchten, dass das billige Geld neue spekulative Übertreibungen an den Finanzmärkten nährt – und sie machen sich Sorgen, dass die Unabhängigkeit der Notenbank in Gefahr gerät. Denn inzwischen hält die Fed amerikanische Staatsanleihen im Wert von mehr als 1700 Milliarden Dollar. Wenn die Zinsen irgendwann steigen, dann fallen die Kurse dieser Anleihen, sie werden also weniger wert.

Schlimmstenfalls müsste die Fed diese Wertverluste verbuchen. Infolgedessen könnten die jährlichen Gewinnausschüttungen der Notenbank an die Regierung über Jahre hinweg ausfallen. Die Skeptiker fürchten, dass dann Forderungen nach einer stärkeren politischen Kontrolle der Fed laut werden könnten. Deren Ansehen in der Öffentlichkeit ist nach der Beteiligung an der umstrittenen Bankenhilfe ohnehin nicht mehr sehr groß.

Die Fed steckt damit in einem Dilemma, dem sich alle großen Notenbanken gegenübersehen: Die Wirtschaft ist noch längst nicht über den Berg, aber je länger die Niedrigzinspolitik fortgeführt wird, desto größer die Risiken für die Finanzstabilität und die Bilanzen der Währungsbehörde – und damit auch den Steuerzahler.

Ben Bernanke scheint entschlossen, sich mit der Zinswende noch etwas Zeit zu lassen, doch früher oder später wird sie kommen. An den Finanzmärkten wird sie bereits vorweggenommen: Die Renditen zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen steigen seit einigen Wochen.

Mit ihrer Niedrigzinspolitik haben die Notenbanken die Weltwirtschaft vor dem Zusammenbruch bewahrt. Ihre Mission haben sie aber erst erfüllt, wenn ihnen auch der Ausstieg gelingt.