Gefallen ist die letzte Bastion; auch Bayern kippt die Studiengebühr, was zeigt, dass der gelobte Staat genauso irrational handelt wie der sündige Markt. Wobei "irrational" nicht ganz stimmt. In Bayern dräuen der CSU schwierige Landtagswahlen; folglich sucht die Staatspartei eine Front zu begradigen, an der eine mächtige Mittelschicht angestammte Besitzstände zurückerobern will.

Die Umsonst-Uni ist eine hübsche Pfründe für alle, die sich ein paar Hundert Euro pro Semester gut leisten können; selbst der Urlaub auf der Billig-Insel kostet mehr. Vier Fünftel der Studenten gehören der Mittelschicht (und drüber) an. Sie dürfen nun wieder für lau studieren, derweil Einsteiger in "mindere" Berufe – Kosmetiker, Zahnarzthelfer – für die Ausbildung zahlen müssen. Ein Meisterbrief ist teurer als ein Bachelor. Das ist soziale Ungerechtigkeit im Quadrat, die Umverteilung von unten nach oben. Die Uni umsonst, die Kita kostet? Dort, wo alle Schichten ihre Kinder unterbringen, wird zuvörderst aus Herkunft Zukunft. Bekanntlich hapert’s in Deutschland an der sozialen Mobilität besonders.

Wie viele Studien brauchen wir noch, um den Einkommens- und Statusvorteil von Studierten zu belegen? Weit überwiegt der die bescheidene Investition namens "Studiengebühren". Finanzwissenschaftler sprechen von doppelstelligen Renditen. Vergleichen wir uns nicht mit Harvard und Co., die an die 40.000 Dollar jährlich abgreifen und die Kartellbehörden alarmieren. Blicken wir auf die staatsfinanzierten Universitäten in England, die bei 3.000 Pfund anfangen und in "Oxbridge" auf 9.000 steigen.

Geld macht nicht glücklich, aber es hilft. Unter den Top Ten eines weltweiten Besten-Rankings der Universität Shanghai befinden sich acht amerikanische, auch staatliche, und zwei britische Universitäten, die alle Geld nehmen. Die beste deutsche – München – taucht erst auf Platz 50 auf. Dann soll doch der Staat zahlen! Tut er aber nicht. Der Anteil der Bildungsausgaben am nationalen Gesamthaushalt stagniert seit mindestens zehn Jahren; Deutschland liegt im untersten Fünftel der OECD-Länder, obwohl die Studentenzahl seit Jahren wächst. Das Wintersemester 2012/13 brachte mit 2,5 Millionen einen neuen Rekord. 2001 waren es noch weniger als zwei.

Und trotzdem: weg mit den Studiengebühren, um die Privilegien der Mittel- und Oberschicht wiederherzustellen. Angesichts solcher Zahlen ist "Irrationalität" ein milder Begriff. "Irrational" heißt, das Gegenteil des Gewollten zu erreichen – in diesem Fall von Gerechtigkeit und Exzellenz. Stellen wir uns 1.000 Euro pro Semester vor, die etwa dem geldwerten Vorteil eines Studentenausweises entsprächen. Dies mal zwei und mit 2,5 Millionen multipliziert – macht fünf Milliarden pro Jahr. Von denen ziehen wir ein Fünftel ab, um die zwanzig Prozent der wirklich bedürftigen Studenten zu befreien. Blieben immer noch vier Milliarden für Lehrer, Labore und Lesesäle.

Sind 6.000 Euro für einen Bachelor zu viel? Im Vergleich wozu? Einem Gebrauchtwagen? Der verliert an Wert, eine akademische Ausbildung ist Kapital, das sich ständig vermehrt. Diese Rendite ist das einzige Kapitaleinkommen, das der Staat nicht besteuert, sondern subventioniert. Das Umsonst-Studium als "soziale Gerechtigkeit" zu verklären ist Augenwischerei. Von der Exzellenz wollen wir angesichts überfüllter Seminare und abblätternder Fassaden gar nicht erst reden.