Als keilförmige Insel schiebt sich das neue Waldorf Astoria zwischen Hardenberg- und Kantstraße und ragt, ganz Manhattan an der Spree, kühne 110 Meter empor. Unterwegs zur Eröffnungsgala teilte sich dem Besucher der Reiz so eines Blockhotels ganz plastisch mit. Während die Vorderseite weiträumig abgesperrt war, vertraten sich Bodyguards in grauen Anzügen auf der Rückseite sehr fotogen die Beine, und ein Möbelpacker, der seinen Laster kurz geparkt hatte, knutschte in einem unbewachten Eingang des Joachimstaler Gebäuderückens mit seiner Flamme. Die Einheimischen haben das gläserne Schiff offenbar problemlos angenommen.

Innenarchitektonisch ist das Hotel tatsächlich von der Art-déco-Gestaltung der großen Überseedampferzeit inspiriert. Das trifft sich gut mit dem Stil des 1931 erbauten Mutterhauses an der Park Avenue und könnte doch New Yorker neidisch machen. Denn die Aussicht, die sich aus dem transparenten Inneren, der Lang Bar, der Bibliothek, dem Frühstückssaal und den Zimmern bietet, ist rasend lebendig. Hier hat das schon fast vergessene Bahnhof-Zoo-Milieu mit seinen Baukränen, dem fröhlich hupenden Verkehr und seinen ungestylten Typen plötzlich eine glamouröse Bühne. Doch der Eröffnungsabend bot seine eigene Inszenierung. Die Veranstalter hatten eine Zwanziger-Jahre-Menagerie unter die Gäste geschmuggelt. An den Damen bewunderte man handondulierte Locken, federgeschmückte Stirnreifen, Bubiköpfe, Flapper-Kleider, Choker-Halsschmuck und Seidenstrümpfe mit Naht. Smoking war à la rigeur und das Haar blasser junger Männer flach aus der Stirn gekämmt. Eintänzer mit Hosenträgern paradierten im Tanzsaal. Sogar ein Herr mit Zwirbelschnurrbart und Lorgnon wurde gesichtet. Aber warum zwanziger Jahre? "Berlin der dreißiger Jahre klingt einfach nicht so gut", volontierte der Gesellschaftskolumnist Philipp von Studnitz und bestellte sich epochentreu einen "mindestens dreißigprozentigen" Drink.

Der Rest trank willig Champagner zu Austern, Gänsestopfleber und Kaviar-Canapés. Und während die Gästeliste von deutschem Adel, Schauspielerinnen und Fernsehmoderatorinnen nur so strotzte, mit einer Regenwaldfee, einem Starfriseur und dem Botschafter Aserbaidschans obendrauf, ließen es sich auch unangekündigte Autoritäten der Hauptstadt nicht nehmen, einen Blick auf den Gasthof zu werfen. Friede Springer inspizierte den Ballsaal, konnte zu seiner Verwandtschaft mit dem des New Yorker Mutterhauses aber wenig sagen, weil man dort immer im "Pierre" abgestiegen war. Romy Haag, die bald selbst im Waldorf Astoria aufzutreten versprach, machte vor, wie man elegant eine Buffetschlange überspringt: Man stelle sich nah an die Töpfe und warte ab, bis ein abgeklärter Gentleman einen integriert. Der Architekt Peter Lanz nahm bereits Vormerkungen für die Eröffnung seiner BMW-Niederlassung am Kaiserdamm an: "Sie wollten mich ja erst nicht haben, weil ich das Mercedes-Benz Center in München gebaut habe."

Für den Wandschmuck griff man sympathischerweise auf studentische Arbeiten der Universität der Künste zurück. Das ortsspezifische Branding der Investoren versagte nur beim Abschiedsgeschenk. Die Betextung des opulent bebilderten Coffee-table Book zum sogenannten Zoofenster-Komplex hatte sich anscheinend auf ein Übersetzungsprogramm verlassen: "Die Versunkenheit einer freigiebigen Atmosphäre eines der berühmtesten Luxushotels der Welt hinter den drastischen Linien der neuen Gebäudefassade zu integrieren, welche die West Berliner Skyline dominiert, stellte eine große Herausforderung dar." Nun ja, man kann nicht jede Herausforderung meistern.

Hier lesen Sie im Wechsel die Kolumnen "Berliner Canapés" von Ingeborg Harms, "Jessens Tierleben" von Jens Jessen, "Männer!" von Susanne Mayer sowie "Auf ein Frühstücksei mit..." von Moritz von Uslar