Gesang als Stachel

Ein Brocken ist das. Texte von Said, dem 1947 in Teheran geborenen Münchner Dichter, vertont von Mats-Up, dem Sextett des Zürcher Trompeters Matthias Spillmann. Psalmen, "gezupfte Lieder" zu Deutsch, alttestamentarische Schwere, 99 Anrufungen des "Herrn", und das von einem Konfessionsfreien. Saids Psalmen handeln vom Hier und Jetzt, von Liebe und Unglück, von Lust und Körpern. Spillmann und sein Sextett kleiden sie in ein zartes, durchscheinendes Gewand, das sich einmal im Beat dehnt, ein anderes Mal im Wind aufbrausender Emotionen flattert, während der Sänger Tobias Christl die Emotion der Psalmen abkühlt und darauf verzichtet, ihre Düsternis und Spannung in den plätschernden Gewässern der Melodie aufzulösen. Gesang als Stachel im Gewebe der Musik. Schließlich tanzt in aller Unschuld ein kleines Motiv aus drei, vier Tönen, und für einen Moment wird alles gut. Stefan Hentz

Mats-Up spielt Psalmen von Said
(Unit Records)

Verfolgungswahnsinn

Verträumter Beginn mit Traum im Traum, Glockenspiel, Klavier, Gitarre. Ihre repetitiven Melodien umschweben einander, verwirren sich zu einem melancholischen Geflecht; der Rhythmus stürzt wie von selbst aus den Lücken. Schnatternd steigt das Saxofon ein, wirbelnd rührt sich die Trommel, so raffiniert und dabei lyrisch. Wird gleich jemand ein Gedicht vortragen? Es wäre willkommen. Aber dann wird diese Erwartung unterlaufen. Vier Könner verfolgen sich gegenseitig: Da wird nicht mehr umschwebt, da wird mit allen Mitteln eingekreist. Sie kombinieren die Schwermut mit Verfolgungswahnsinn und lösen das Zwittermotto des Albumtitels ein: Melanoia. Am Piano: Achim Kaufmann. An der Gitarre: Ronny Graupe. Am Schlagzeug und an der Komposition: der deutsche Serbe Dejan Terzic. Am Saxofon: der Neuseeländer Hayden Chisholm, Held des Films Sound of Heimat – Deutschland singt. Ulrich Stock

Dejan Terzic: Melanoia
(enja records)

Bis dass der Tod

Unglaublich, wie es dieser Regisseurin gelingt, dem schon so stürmischen Klassiker von Emily Brontë frischen Wind zu verpassen. Tiere, Pflanzen, Grashalme, Haut und Fell verbinden sich hier zur physisch erfahrbaren Textur, zum wilden Lebensgefühl von Catherine und Heathcliff, die als Kinder über die Hügel von Yorkshire toben und als Jugendliche einander verfallen. Der Clou von Andrea Arnolds Sturmhöhe-Verfilmung ist allerdings die Besetzung mit einem farbigen Schauspieler. Heathcliffs Außenseitertum, die Erniedrigungen und Quälereien durch seinen Ziehbruder Hindley bekommen so plötzlich eine historisch-gesellschaftliche Dimension. Genauso wie die tiefe Wut des jungen Mannes, der seine geliebte Catherine an den blässlichen reichen Nachbarssohn verliert. Oder eben nicht, denn man kann sich auch durch eine romantische Landschaft verheiraten! Bis dass der Tod euch scheidet. Anke Leweke

Andrea Arnold: Wuthering Heights
(Prokino)

Zeitknoten

Wenn es im Film einmal heißt, "diese Zeitreise-Chose röstet einem das Hirn", dann ist das kein leeres Versprechen. Natürlich ist die Zeit spätestens mit Einstein eine komplizierte Sache geworden, aber stellen Sie sich so etwas vor: In einer nahen Zukunft soll ein junger Auftragskiller (Joseph Gordon-Levitt) sein älteres, aus einer noch künftigeren Zukunft in die Vergangenheit, also die Filmgegenwart respektive unsere nahe Zukunft gebeamtes Selbst auslöschen, was aber nicht klappt, weil der Alte (Bruce Willis) nicht von gestern ist, woraufhin zwei Zeitlinien sich so miteinander verknoten, dass... Nein, anders. Rian Johnsons Looper ist ein sehr smarter Sci-Fi-Thriller in hübschem Low-Tech-Look, mit bösem Witz und einem Hauch von Drama, der einem heftig strapazierten Genremotiv originelle Noten abgewinnt. Und der natürlich auf DVD besonders gut aufgehoben ist. Können Sie im Kino vielleicht zurückspulen? Sabine Horst

Rian Johnson: Looper
(Concorde)

Con fuoco!

Er gilt als einer der heißesten Kandidaten für die Nachfolge von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern, und um ihn zu schützen, vor der Gefräßigkeit des Musikbetriebs wie vor sich selbst, müsste man über Andris Nelsons fortan eigentlich schweigen. Doch dann fällt einem pressfrisch sein Mitschnitt von Dvořáks Neunter Aus der Neuen Welt mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in die Hände, längst eines der Paradestücke des 34-jährigen Letten – und alle guten Vorsätze weichen. Wie Nelsons es versteht, das Folkloristische dieser Musik in Energie zu verwandeln, in ein sehrendes, brennendes Tauziehen über den Großen Teich hinweg, das raubt einem die Sinne. Und wie unsentimental und präzise, wie idiomatisch sicher die BR-Symphoniker spielen! Man begreift: Zwischen Indianerliedern und altböhmischen Tänzen gibt es eine Völkerverständigung, ja. Aber sie ist nicht umsonst zu haben. Christine Lemke-Matwey

Antonin Dvořák: Symphonie Nr. 9 e-Moll op. 95
Symphonieorch. des BR, Andris Nelsons (BR Klassik)