Eine Idee verzaubert das Land. Es ist die Idee von der Sharing Economy, der Wirtschaft des Teilens, und sie kommt zur richtigen Zeit. Einerseits nimmt sie das Wirgefühl von Social-Media-Diensten wie Facebook und Twitter auf, deren Nutzer es gewohnt sind, etwas miteinander zu teilen: Fotos, Meinungen, Neuigkeiten. Andererseits bietet sich Sharing als Projektionsfläche für sämtliche Alternativen zum Kapitalismus an. Ob Autos, Bohrmaschinen, Bücher oder Schlafplätze: Teilen ist das neue Haben! Nutzen wird wichtiger als Besitzen! Das Ende des Eigentums steht bevor!

Die Cebit, die bedeutendste Computermesse der Welt, hat die Shareconomy in dieser Woche sogar zu ihrem Leitthema erklärt. Dabei dürften die eifrigsten Verfechter der Idee vor allem eines miteinander teilen: eine große Illusion. Denn Sharing funktioniert hauptsächlich in Nischen. Sobald es um wirklich relevante Themen des Lebens geht, ist Sharing weder populär noch antikapitalistisch, ja teilweise sogar gefährlich.

Die Erwartungen an die Ökonomie des Teilens sind dabei so naiv und oft dermaßen übersteigert, dass sie sich kaum erfüllen werden. Stärker als den Beginn einer neuen Wirtschaftsordnung symbolisiert der Sharing-Hype eine Form der Realitätsflucht. Anders gesagt: Wer Sharing ernsthaft als umfassende ökonomische Alternative betrachtet, hält auch die Fotostrecken in der Landlust für eine realistische Abbildung der heimischen Pflanzenwelt.

Teilen wirkt selbstlos. Daraus zieht die Idee ihren Charme, das macht sie attraktiv für Kritiker des Kapitalismus. Andere teilhaben zu lassen, an eigenen Ideen und Gütern etwa, klingt ja auch gut. Aber gibt es diese Selbstlosigkeit wirklich im großen Stil? Und wie nachhaltig kann sie sein?

"Unser Wertesystem ist darauf nicht unbedingt ausgerichtet, und die Alternativen waren bislang auch nicht sonderlich erfolgreich", sagt Christy Wyatt. Die Managerin hat schon für viele Unternehmen aus der Technologiebranche gearbeitet, etwa für Motorola und für Apple. Heute führt sie Good Technology, eine Firma für Handysoftware aus dem Silicon Valley. Wyatt zählt zu den hellen Köpfen, die man auf Veranstaltungen wie der Cebit normalerweise trifft. "Das global akzeptierte Wertesystem setzt voraus, dass Innovationen vor allem dann entstehen, wenn Belohnungen zu erwarten sind", sagt sie.

Schon innerhalb der Gemeinde der Teilenden existieren zahlreiche Widersprüche. Den auffälligsten liefert ausgerechnet jene Branche, die auf der Cebit nun die Shareconomy ausruft: die Hersteller von Computern und Software. Sie selbst haben das Teilen abgeschafft. Solange Computer noch auf Schreibtischen standen, waren es wirklich noch Maschinen zum Teilen. Jeder Nutzer hatte sein Profil und fand nach der Anmeldung seinen virtuellen Schreibtisch mitsamt seinen Dokumenten und Apps vor, die damals freilich noch Programme hießen.

Die Computer der Gegenwart heißen Smartphones und Tablets – doch sie sind so stark personalisiert, dass sich eine gemeinschaftliche Nutzung praktisch verbietet. Wie sollte man auch teilen, was man ständig bei sich tragen muss? Nur als individuelle Einzelstücke spielen die mobilen Geräte ihr Potenzial aus. Sie sind äußerst beliebt und kosten, rechnet man mobile Datentarife mit ein, oft mehr als gemeinschaftlich genutzte Personal Computer.

Apple, Samsung, Amazon, Microsoft und Co. streiten zudem heftig um Patente auf Displaygrößen, runde Ecken oder darum, wer seinen Appstore nun Appstore nennen darf. Das zeigt, wie fern den Hightechriesen das Teilen liegt. Was soll man davon halten, wenn jemand zum "Sharing" aufruft, der ansonsten hochegoistisch seine finanziellen Ziele verfolgt?