Venezuela ohne Hugo Chávez – das kann sich kaum jemand vorstellen. Auch die Feinde, die sich der einstige Fallschirmjäger gemacht hat, wirkten während der langen Krebskrankheit des 58-jährigen Präsidenten gelähmt und ohnmächtig. Jetzt, in der Nacht zum Mittwoch, ist der Staatschef gestorben. Chávez hat viele Fehler gemacht, aber eines hat er erreicht: Den Armen, die jahrelang von der politischen Teilhabe in seinem Land ausgeschlossen waren, gab er eine Stimme. Seine Anhänger und Parteigänger, die Chavistas, können deshalb darauf hoffen, dass sie die Macht zunächst behalten werden.

Dennoch: Ohne ihn verändert sich Venezuela, verändert sich auch die gesamte Region. Wie der Kubaner Fidel Castro träumte Chávez nicht nur von einer grundlegenden Veränderung der Verhältnisse; er machte sie wahr. Chávez’ "bolivarische Revolution" war eine Verheißung. Nach seiner Wahl zum Präsidenten im Jahr 1998 kämpfte er gegen einen ungerechten Staat, den Wirtschaftseliten kontrollierten. Gemäß der Logik des Chavismo hatten soziale Ungleichheit und Unterentwicklung eine gemeinsame Quelle: die Dominanz der Vereinigten Staaten und ihre politische Verflechtung mit den einheimischen Machthabern. Chávez verkörperte den Caudillo, den charismatischen Stimmungsmacher, der durch die Städte zog und wahlweise Mao Zedong zitierte, sang, Gedichte vortrug oder Baseball spielte. Einen so kühnen Politiker hatte der Kontinent lange nicht gesehen.

14 Jahre später hinterlässt er ein verändertes Lateinamerika. Außenpolitisch brach er mit diplomatischen und politischen Konventionen. Den USA kehrte er den Rücken, während er mit Irans Ahmadinedschad und Iraks Saddam Hussein Freundschaften schloss und die Guerilla in Kolumbien unterstützte. Er wurde zum Vorbild für Politiker in Ecuador, Bolivien, Nicaragua, Argentinien, sogar Brasilien. Linksgerichtete Präsidenten kamen an die Macht und machten sich den revolutionären Impuls zu eigen. Wenn die Geschichte des Linksrucks der vergangenen Jahre in Lateinamerika geschrieben wird, wird Chávez an erster Stelle zu nennen sein, als Gründungsvater, aber auch als Finanzier. Gerade das ist heute Anlass zu Sorgen in der Region. Ein instabiles Venezuela könnte den Subkontinent erschüttern. Manche Politiker hängen von der Unterstützung durch Hugo Chávez ab, einige Länder von dem Öl, das Venezuela ihnen zur Verfügung stellt.

In Wahrheit allerdings ist Venezuela zu schwach, um ein von den USA unabhängiges Lateinamerika zu tragen – finanziell wie politisch. Auch die Bürger in Venezuela selbst merken, dass Chávez den Staat ins Chaos gestürzt und die Gesellschaft gespalten hat. Glühende Verehrer und hasserfüllte Gegner stehen gegeneinander. Die Kluft zwischen Arm und Reich wollte der Präsident schmälern, doch er hat sie vergrößert. Wer sich gegen die Revolution ausspricht, gilt seinen Anhängern als Angehöriger einer volksfremden Elite und als Staatsfeind. Wer Chávez unterstützt, den diffamieren umgekehrt die Regierungskritiker als ungebildet, als Opfer von Manipulation. Die Polarisierung ist ungeheuer und vergiftet das politische Leben.

Zwar sind die Löhne unter Chávez gestiegen, mehr Menschen studieren, weniger leben in Armut als zuvor. Aber die Einkommen der Mittelschicht stagnieren, die Inflation und das Staatsdefizit steigen, die Lebenshaltungskosten auch. Die kriselnde Wirtschaft wird bald nicht nur Unternehmer in Mitleidenschaft ziehen, sondern auch die Unterschicht. Die milliardenschweren Gewinne aus dem staatlichen Ölhandel reichen nicht aus, um allgemeinen Wohlstand zu schaffen. Chávez hat Justiz und Gesetzgeber der Exekutive unterworfen und einen Einmannstaat errichtet.

Diesen Staat erben nun seine Kader, die ihren charismatischen Führer nicht werden ersetzen können. Sein Vizepräsident und designierter Nachfolger Nicolás Maduro wird kaum imstande sein, so viel Autorität zu gewinnen wie Chávez. Der Durchschnitts-Chavista hat zwar den Comandante verehrt, hält dessen Leute jedoch für unfähig oder verdorben. Der Post-Chavismo mag selbst in den Augen seiner Anhänger nicht mehr Revolution bedeuten, sondern Spaltung, Lügen, Hochmut und Korruption.