Im Sommer 2012, am Rande eines Kongresses, sprechen wir Hetzer auf die Organentnahme bei Hingerichteten in China an. Er sagt: "Natürlich unterstütze ich das nicht, aber es ist nicht so, dass man primär sagen kann, das ist falsch. Der wird hingerichtet und nimmt seine Organe mit ins Grab. Wie würden Sie entscheiden, wenn Sie wüssten, Sie würden morgen geköpft werden?"

Jacob Lavee, der Arzt von Mordechai Shtiglits, findet schon die Abwägung dieser Frage unethisch. Es ist, glaubt er, eine Frage, die sich ein Arzt nicht stellen darf. Aber dann öffnete er eines Tages im Herbst 2005 die Tür zu dem Krankenzimmer im Sheba Medical Center, in dem sein damals schwer kranker Patient lag.

Shtiglits war seit Jahren bei Lavee in Behandlung. Lavee, Direktor der Abteilung für Herztransplantation an der Klinik, konnte ihm schon lange kaum mehr Hoffnung machen. An jenem Tag aber war Shtiglits guten Mutes. Er verkündete, er werde nach China fliegen und in zwei Wochen eine Herztransplantation haben. "Ich lächelte ihn an und sagte, das sei nicht möglich", erinnert sich Lavee, "aber es war ihm todernst."

Lavee hatte schon von Patienten gehört, die für eine Niere nach China reisten, doch dies hatte eine neue Dimension. Eine Niere oder Leberteile kann man lebenden Spendern entnehmen. "Wenn jemand ein Herz bekommt, heißt das, dass jemand anderes sterben muss."

Shtiglits ist der erste, aber nicht der letzte von Lavees Patienten, die für ein Herz nach China reisten. Der Transplanteur weiß von einem Dutzend Fällen. Ein oder zwei Patienten starben, andere kehrten wie Shtiglits in guter Verfassung zurück. Als Arzt will Lavee das Beste für seine Kranken, doch er ist nicht bereit, jeden Preis zu zahlen. "Auch wenn es mich selbst beträfe", sagt er, und man glaubt es ihm: "Ich ginge nicht nach China. Und wenn ich dann sterben müsste." Lavee sagt aber auch: "Ich klage die Patienten nicht an. Wenn das Leben bedroht ist, greift man nach jedem Strohhalm."

Nach Shtiglits’ Rückkehr aus China behandelt Lavee seinen Patienten weiter. Der Herzspezialist freut sich über die Fortschritte, die Shtiglits macht. Zugleich beginnt er, politisch dagegen zu kämpfen, dass weitere Patienten ein chinesisches Herz bekommen.

Eine israelische Besonderheit erleichterte Shtiglits den Weg nach China: Die Kosten aller Auslandstransplantationen wurden seinerzeit von der Krankenversicherung erstattet, bis zum in Israel üblichen Satz. Shtiglits sagt, in seinem Fall habe das Gesamtpaket rund 170.000 Dollar gekostet – der Flug erster Klasse mit Ehefrau und Tochter, das Hotel in Shanghai, ein Übersetzer und ein persönlicher Betreuer für die Dauer des sechswöchigen Aufenthalts, die medizinische Behandlung und die Medikamente.

170.000 Dollar sind nicht viel in der Organhandelsbranche – China zählt auch auf diesem Gebiet zu den Billiganbietern. Shtiglits allein hätte das Geld aber wohl kaum aufgebracht. Auch die 65.000 Dollar für eine Niere wären für die meisten der 250 in China behandelten Israelis nicht bezahlbar gewesen. Lavee beschloss, dass der Kostenerstattung ein Ende gemacht werden müsse.

Er veröffentlichte Artikel in Fachzeitschriften, die von der israelischen Presse aufgegriffen wurden. Er diskutierte im Fernsehen mit Shtiglits, immer freundlich, aber in der Sache unversöhnlich. Er organisierte eine Konferenz unter der Schirmherrschaft der israelischen Transplantationsgesellschaft. Und er hatte Erfolg: Das israelische Transplantationsgesetz, das 2008 in Kraft trat, verbietet die Kostenerstattung für Auslandstransplantationen, wenn Organhandel im Spiel ist. Gleichzeitig soll das Gesetz die Chancen israelischer Bürger auf ein Organ im eigenen Land erhöhen: Wer einen Organspende-Ausweis besitzt, wird fortan bevorzugt behandelt, falls er selbst eine Transplantation braucht.

Seit das Gesetz in Kraft getreten ist, sei kein israelischer Patient mehr für eine Transplantation nach China gereist, sagt Lavee. In einem so kleinen Land kann ein Spezialist wie er das überblicken. In Internetforen wird Lavee nun als ein Arzt beschimpft, der den Weg der Patienten nach China blockierte.

"Auf diesen Vorwurf bin ich sehr stolz", sagt Lavee.

Doch er ist noch nicht am Ende seiner Mission. Denn der internationale Organtourismus geht weiter, auch wenn die chinesische Führung sich offiziell um Reformen bemüht.

Seit 2007 ist der Organhandel in China gesetzlich verboten. Das bedeutet nicht, dass Häftlingen keine Organe mehr entnommen werden dürften – dies ist weiterhin erlaubt. Die neuen Gesetze besagen: Organe, woher auch immer sie stammen, dürfen nicht mehr gegen Geld vermittelt werden, zum Beispiel an reiche Chinesen oder Europäer. Ab und zu gibt es jetzt publicityträchtige Aktionen: Im August 2012 zum Beispiel verhaftete die chinesische Polizei bei einer Razzia gegen mutmaßliche Organhändler 137 Personen, darunter 18 Ärzte. Doch zugleich werben Websites wie chinahealthtoday.com, placidway.com und novasans.com unverhohlen um Kunden weltweit: "Herztransplantation im Ausland – Klinikführer und Medizintourismus-Einrichtungen in China". Und der Staat? Lässt die Kliniken, die dahinterstehen, meist gewähren.

Organhandel, der von der Regierung geduldet wird. Hinrichtungen, die Material für Transplantationen liefern. Das ist erschreckend, aber es ist noch nicht alles. Es gibt noch einen weiteren, noch schlimmeren Verdacht. Man könnte ihn für die Spinnerei eines Thrillerautors halten, der ein Remake des Schockers Fleisch drehen will. Wenn da nicht der kanadische Anwalt David Matas und der ehemalige kanadische Staatssekretär David Kilgour wären, die 2010 für den Friedensnobelpreis nominiert wurden. Akribisch haben sie seit 2006 Fakten gesammelt. Der amerikanische Kongress hat sich im vergangenen Herbst mit dem beschäftigt, was sie zusammengetragen haben.

Matas’ und Kilgours Material legt nahe, dass in China auch Häftlinge aus Arbeits- oder aus Umerziehungslagern getötet werden. Es geht bei ihren Recherchen um Angehörige der Falun-Gong-Bewegung, die buddhistische Meditationstechniken praktiziert – Menschen, die gar nicht zum Tode verurteilt sind, die aber angeblich sterben müssen, weil ihre Organe zu einem Kranken passen.

Kann das sein? Tatsache ist: Mitglieder von Falun Gong werden in China verfolgt. Fakt ist aber auch: Jede Propaganda der chinesischen Regierung beantwortet die Falun-Gong-Bewegung mit geschickter Gegenpropaganda, vor allem im Ausland. Genau deshalb haben die beiden Kanadier Matas und Kilgour alles versucht, um sich in ihrer Recherche möglichst unabhängig zu machen von Aussagen der Falun-Gong-Anhänger. Sie sammelten nicht nur Material über Falun-Gong-Gefangene, die in der Haft medizinisch untersucht wurden, die spurlos aus Lagern verschwanden oder bei deren Leichen Körperteile fehlten. Sie interviewten auch ausländische Patienten, die in China eine Niere oder eine Leber verpflanzt bekamen. Es gelang ihnen sogar, ehemalige Mittäter über die Organentnahme bei Falun-Gong-Häftlingen zu befragen. Und sie dokumentierten Telefonate von Ermittlern, die sich als Patienten oder Angehörige ausgaben und bei chinesischen Transplantationszentren wegen Organen von Falun-Gong-Praktizierenden anfragten – Falun-Gong-Anhänger gelten als besonders geeignete Spender, während Strafgefangene häufig mit Hepatitis B infiziert sind.