Claire* ist heute Mittag über die Europabrücke von Straßburg nach Kehl gefahren, um der europäischen Idee eine Chance zu geben. Jetzt sitzt sie bei Elke Phillips im Büro und lässt sich die deutsche Arbeitswelt erklären: Warum immer mehr deutsche Firmen befristete Arbeitsverträge vergeben, möchte sie wissen. Wie oft sie nachhaken soll, nachdem sie eine Bewerbung verschickt hat. Und weshalb manche Firmen ausschließlich Mitarbeiter einstellen, die in einem Umkreis von 30 Kilometern wohnen. Claire, 49, blond gesträhnter Kurzhaarschnitt, lila Pullover, ist eine sogenannte Grenzgängerin, eine Französin, die in Deutschland arbeitet, genauer gesagt: arbeiten will.

"Durch das Büro hier erhöhen sich meine Chancen", sagt Claire. Sie meint das neue deutsch-französische Arbeitsvermittlungsbüro, das vor einer Woche eröffnet hat. Das Büro liegt in Kehl, einer Kleinstadt im Südwesten Deutschlands, Frankreich liegt gleich auf der anderen Seite der Europabrücke. Es will die bürokratischen Hürden zwischen beiden Ländern abbauen und Jobs schneller vermitteln. Claire ist eine von 300 Jobanwärtern, die in die digitale Kartei des Vermittlungsbüros aufgenommen worden sind – bis Jahresende sollen 100 von ihnen einen Job haben, das ist das Ziel.

In Frankreich steigt die Arbeitslosigkeit seit Jahren stetig an, inzwischen haben mehr als zehn Prozent der Franzosen keinen Job, besonders die Jungen sind betroffen: Jeder Vierte unter 25 ist arbeitslos, Frankreich liegt damit europaweit auf Platz fünf, hinter Griechenland, Spanien, Portugal und Italien. Im Elsass, der Region um Straßburg, ist die Situation kaum entspannter, dort ist jeder fünfte Franzose unter 25 ohne Arbeit. Insgesamt liegt die Arbeitslosenquote auch hier bei mehr als zehn Prozent. Auf der anderen Rheinseite herrscht mancherorts Vollbeschäftigung, mehr noch: In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gibt es rund 15.000 offene Stellen.

Im Arbeitsvermittlungsbüro in Kehl arbeiten zwei französische und zwei deutsche Arbeitsvermittler, der graue Teppich im Flur riecht noch neu, die weißen Wände sind ohne Makel. Elke Phillips ist eine der beiden Deutschen, eine Frau mit akkurater Frisur und festem Händedruck. Obwohl sie erst vor einer Woche ihr Büro bezogen hat, hängen bereits Bilder an den Wänden, und am Aktenschrank klebt eine Liste mit den Geburtstagen der Mitarbeiter, das ist wichtig in Deutschland. Zusammen mit den anderen Kollegen hatte sie ein interkulturelles Training, um sich auf die Arbeit einzustellen – und um den Nachbarn besser zu verstehen.

Der Nachbar sitzt zwei Zimmer weiter, Marc Dorschner heißt er, selbst ein Grenzgänger wie die meisten seiner Kunden. Dorschner, für den Bürobetrieb leger gekleidet, ohne Jackett, die Krawatte etwas zu lang gebunden, arbeitet seit 35 Jahren als Arbeitsvermittler. Er sagt: "Wir sind ja in Europa, wo alles zusammenwachsen soll, aber so weit sind wir noch lange nicht." Seinen französischen Kunden müsse er erklären, dass es in Deutschland keinen flächendeckenden Bruttomindestlohn von 9,43 Euro die Stunde gibt und auch keine 35-Stunden-Woche. Dass Teil- und Zeitarbeit auf dieser Rheinseite, anders als in Frankreich, gängig sind. Und dass es in Deutschland gar nicht so einfach ist, einen Betreuungsplatz für das Kind zu bekommen.

Trotzdem ist Deutschland als Arbeitsland attraktiv: Aus dem Elsass pendeln täglich rund 24.000 Franzosen nach Baden-Württemberg. Aus Lothringen fahren jeden Tag 23.000 nach Rheinland-Pfalz und ins Saarland. Die Wege im Grenzgebiet sind kurz, abends können die Pendler wieder nach Hause fahren, in ihr Land, zu ihrer Familie.

Bärbel Höltzen-Schoh glaubt, dass das eine Stärke der Region ist. Höltzen-Schoh ist "Generalbeauftragte der Arbeitsagentur für die deutsch-französische Zusammenarbeit Elsass/Baden-Württemberg", so steht es auf ihrer Visitenkarte. Die europäische Idee, die Grenzenlosigkeit, das sei ja alles schön und gut, sagt sie. "Aber: Bevor Sie einen Ostfriesen hier runter bekommen oder wie man hier sagt: einen Fischkopp... Das ist schon innerhalb Deutschlands ein Problem."

Höltzen-Schoh nennt dieses Beispiel nicht zufällig. 2005 kam sie aus Norddeutschland in den Süden, ein Jahr später sah sie in Straßburg die Autos brennen, kurz zuvor hatten die Pariser banlieues gebrannt. Die génération précaire begehrte auf, sie fühlte sich abgehängt, fast jeder Zweite war ohne Job.