Diese Alten! Die Engländerin P. D. James war 91, als sie 2011 ihre jetzt auch auf Deutsch herausgekommene Jane-Austen-Hommage Der Tod kam nach Pemberley schrieb. Über den mit 86 unwesentlich jüngeren Amerikaner Elmore Leonard kolportiert sein Verlag den Jahrzehnte alten Blurb der New York Times, er sei "der beste Krimiautor der Gegenwart, vielleicht der beste aller Zeiten". Steht es um den Krimi so schlecht, dass die Greise zur Ehrenrettung des Genres mobilisiert werden müssen? Rhetorische Frage. In Raylan, seinem 47. Roman seit 1953, gibt Leonard sich lässiger, doppelbödiger, aufgeräumter denn je.

Raylan, das ist der coole Raylan Givens, den Nachtschwärmer und Privatfernseh-Gucker aus der Serie Justified kennen. Das ist der ehemalige Bergmann aus Kentucky, der es zum coolen US-Marshal mit Stern gebracht hat, statt aus Verzweiflung Marihuanafarmer zu werden wie seine arbeitslosen Exkumpel. Leider hat der schnelle Schütze sich bei den Bossen unbeliebt gemacht, als er einen Gangster kurz vor Ablauf eines 24-Stunden-Ultimatums im Duell erschoss. Jetzt sorgt er, aus dem sonnigen Miami ins unheimatliche Kentucky zurückversetzt, für das, was ihm gerecht vorkommt. Raylan, in der Serie kongenial vom stets leicht amüsiert auf die Welt guckenden Timothy Olyphant verkörpert, steht für Haltung. Etwas überhöht formuliert, ist es die eines Gentlemans, der seinem eigenen inneren Kompass folgt. Raylan ist nicht gut oder schlecht, sondern einfach anständig – aber in dem abgeklärten Bewusstsein, dass Anstand eher eine Frage der Umstände ist als eine der Regeln. So kann er treuherzig erklären: "Ich bin einer von den Guten. Im Dienst habe ich sieben Mal auf Menschen geschossen, auf flüchtige Verbrecher, keine Frauen, keine Studenten, und alle sind tot." Und wenige Stunden später erschießt er eine nackte Frau. Sie bedroht Raylan mit seiner Dienstwaffe und hat eben noch versucht, ihm die Nieren herauszuoperieren.

In 76 Dienstjahren (er begann mit zehn zu schreiben) hat Elmore Leonard seinen Anti-Stil zu einer unnachahmlichen Kunstform perfektioniert. Seine einzige Regel lautet: "Wenn es wie Schriftstellerei klingt, schreibe ich es neu." Nach diesem Motto verwandelt er alles Stofflich-Zufällige, insbesondere aber alles Material, das normalerweise zu Erregung und Empörung einlädt, in Treibgut seines Textflusses. Was unterscheidet die Krankenschwester, die Leute betäubt, ihnen die Nieren entnimmt und sie ihnen dann zum Rückkauf anbietet, von ihrem vorgesetzten Transplantations-Halbgott in Weiß? Als Selbstständige verdient sie besser im Nieren-Business als vorher. Ähnlich löst Leonard die Talk-Reizthemen Umweltverwüstung, strukturelle Arbeitslosigkeit und Geschlechterrollen auf – in schnelle Schusswechsel und Dialoge, in Episoden statt Epen. Und gibt ihnen das zurück, was sie im medialen Geschwätz verloren haben: ihre grausame Unmittelbarkeit. Könnten alle so schreiben wie der nobelpreiswürdige Alchemist Leonard – nicht nur der Krimi wäre gerettet.