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Es gibt eine etwas brave Lesart der Romane von Ernst-Wilhelm Händler, die sich einer Not verdankt: Weil es so schwierig ist, ihre Brillanz und ihr Raffinement zu fassen, liest man seine Bücher gerne als Kapitalismuskritik weg. Das mag noch nicht einmal falsch sein, aber ehrlich gesagt: Das könnte man auch einfacher haben. Für ein bisschen herzerwärmende Kapitalismuskritik muss man sich nicht durch diese hochkomplexen, brutal antirealistischen, zugleich extrem konkreten und schillernd abstrakten Erzählwelten beißen, wie sie dieser letzte Radikal-Avantgardist der deutschen Literatur baut. Das gilt auch für seinen neuen Roman Der Überlebende, den erste Rezensenten bereits als Technikkritik gelesen haben. Auch das ist nicht falsch, aber doch erscheint der Begriff Technikkritik für die umfassende Wurzelbehandlung, die Händler hier vornimmt, zu treuherzig.

Der Ich-Erzähler ist Ingenieur. Er arbeitet als Werksleiter Leipzig für den Weltkonzern D’Wolf. Er versucht, in seinem Labor intelligente Roboter zu entwickeln, sogenannte S-bots, die in der Lage sein sollen, durch Abstimmung und Kooperation gemeinschaftlich anspruchsvolle Arbeiten auszuführen. Weil das Labor indes von bestimmten Vorstandsbereichen abgelehnt wird, muss es aus einem schwarzen Konto finanziert werden – es ist ein Geheimlabor im Kosmos der Firma. Diese Situation verschärft die Paranoia des Ich-Erzählers, der gerne alles kontrollieren möchte und jeden im Verdacht hat, seine Robotervision zu torpedieren. Am Ende ist der Ich-Erzähler der Überlebende, weil er alle aus dem Weg geräumt hat, die sein Projekt zu gefährden drohten: seine Frau Maren, seine Tochter Greta, seinen engsten Mitarbeiter Peter.

Und das alles wegen ein paar Robotern? Der Roman spielt auf düstere Art mit der Diskrepanz zwischen der banalen Mechanik der Roboter und dem Visionscharakter, den der Ich-Erzähler diesem Projekt zuspricht: Am Ende könnte es die Materie sein, die den Geist ersetzt. Wie Luzifer, der Herr der Materie, verkörpert der Ingenieur das Böse, das das Neue schafft. Die S-bots sollen lernen, eine gekrümmte Stange zu ergreifen, um sie über einen Abgrund, der für einen einzelnen S-bot unüberbrückbar wäre, gemeinschaftlich zu transportieren. Die S-bots müssen mithin nicht nur für sich über Sensoren ihre Umwelt wahrnehmen und ihre Greifarme entsprechend ausrichten, sie müssen sich auch untereinander abstimmen, um zu kooperativen Lösungen zu kommen. Für den Ich-Erzähler aber deutet sich darin die Vorstellung an, systematisch den Menschen zu ersetzen, bis man am Endpunkt der Entwicklung die ganze Wirklichkeit klonen kann.

In jedem Ingenieur steckt ein Demiurg, ein Weltenschöpfer. Und der Überlebende ist ebendeshalb mehr als nur Kritik an der technischen Moderne und ihren Machbarkeitsfantasien, weil Händler in einem umfassenderen Sinne Schöpfungskritik betreibt – er will die ursprüngliche Machtgeste freilegen, die jedem Schöpfungsakt innewohnt. Das hatte er bereits in seinem Roman Die Frau des Schriftstellers für die andere Schöpferkaste, die Künstler, durchdekliniert. Immer geht es um die Frage, wie sich Machbarkeit und Göttlichkeit zueinander verhalten, wenn das Sein dem Nichts entspringt. Der Ingenieur im Überlebenden räumt alle Vertrauten aus dem Weg. Ihn umgibt eine Einsamkeit wie Gott vor dem ersten Schöpfungstag. Tatsächlich ist Gott die Bezugsgröße, an der er sich abarbeitet: Immer räsoniert er über die Entstehung des Universums. Aber so viele physikalische Theorien er auch ausbreitet, die Denk-Unmöglichkeit des Sprungs vom Nichts ins Sein lässt Gott und das Universum zu Synonymen werden.