Als Iveta Radičová alles geopfert hat, die Macht, das Amt, die ganze Regierung, tritt sie vor die Kameras und verliert die Fassung. Jetzt entlädt sich alles: Anspannung, Enttäuschung und die Wut darüber, was sie ihr angetan haben. Sie haben sich also getraut. Sie haben sie gestürzt. Iveta Radičová fährt die Journalisten an und die politischen Gefährten, die sie im Stich gelassen haben. Sie lässt sich nach Hause chauffieren. Es ist schon Nacht.

Iveta Radičová, heute 56 Jahre alt, hat bis zu diesem 11. Oktober 2011 fast 15 Monate lang die Slowakei regiert. In jener Oktobernacht muss ihr Land als letzte Euro-Republik dem Rettungsschirm EFSF zustimmen. Seit Wochen telefoniert Radičová, mit der Bundeskanzlerin, mit dem Vorsitzenden der Euro-Gruppe, mit dem EU-Ratspräsidenten. Jedem verspricht sie: Ich kriege das durch.

Die Sache muss gelingen. Also greift Radičová zur mächtigsten Waffe, die sie hat: Sie macht die Abstimmung über Europas Rettungsschirm zur Vertrauensfrage über ihre eigene Regierung. Sie knüpft ihr politisches Schicksal an deren Ausgang. Ein Land von fünfeinhalb Millionen Einwohnern steht plötzlich im Scheinwerferlicht, Iveta Radičová wird zur wichtigsten Frau Europas. Es geht um Milliarden.

Doch ihr Koalitionspartner Richard Sulík, Chef der Liberalen, verweigert sich. Schuldenprobleme mit noch mehr Schulden zu lösen, sagt er, halte er für eine ziemlich schlechte Idee.

In dieser Nacht kippt etwas in Iveta Radičová. Um sie herum stehen Journalisten und lauter Männer, Radičová ringt mit sich, bis die Wut gewinnt. Sie bellt alle an, die Männer schauen peinlich berührt zu Boden. Dann geht sie. Sie beschließt, bei den Neuwahlen ein halbes Jahr später nicht mehr zu kandidieren. Es ist vorbei. Iveta Radičová hat ihren alles entscheidenden Kampf verloren.

Einige Tage später stimmt die Opposition dem Rettungsschirm zu. Sie hatte daran nie einen Zweifel gelassen, aber eine Bedingung gestellt: Radičová muss weg. Jetzt, wo der Rettungskurs der EU ungehindert weitergehen kann, schalten die Kameraleute ihre Scheinwerfer aus und ziehen weiter zur nächsten Bühne des Krisengeschehens. Zurück bleibt Iveta Radičová als politischer Kollateralschaden.

"Ich habe zu viel verloren, um noch irgendwelche Illusionen und Ideale über Politik zu behalten", sagt sie über diese Zeit. "Ich bin frustriert! Man kann das Wesen der Politik nicht verändern. Ich will in einer solchen Welt nicht sein. Nie mehr!"

Die Geschichte der Iveta Radičová handelt von Macht und Hilflosigkeit in der europäischen Krise. So zu scheitern erleben andere auch: Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou verliert sein Amt, der Slowene, der Portugiese, der Spanier, der Franzose – fast ein Dutzend Regierungen stolpern über die europäische Idee. Manche Staatschefs werden für eigene Fehler abgestraft, andere für die ihrer Vorgänger, wieder andere für ihren Sparkurs. Einige werden abgewählt, weil sie den Rettungsschirm EFSF unterstützen, andere, weil sie Banken retten statt ihre Wähler – niemand hat das zuletzt deutlicher zu spüren bekommen als der Italiener Mario Monti. Der hatte Silvio Berlusconi vor anderthalb Jahren im Amt abgelöst, weil es der Euro-Rettungskurs verlangt hatte. Nun haben ihn die Wähler in die Bedeutungslosigkeit geschickt, weil er die Reformen mitmachte.

Bittet man jene, die gestern noch im Amt waren, um ein Gespräch über die Zwänge des Regierens in Zeiten der Krise, prallt man gegen eine Mauer des Schweigens: E-Mails werden nicht beantwortet, Telefonate verschoben. Am Ende sprechen nur zwei Abgedankte, deren politische Schicksalswege sich in der Euro-Krise kreuzten und die fast zeitgleich scheiterten: die Slowakin Iveta Radičová und der Grieche Giorgos Papandreou.