Und wenn nun die Untergangspropheten, die Europessimisten, die Baisse-Spekulanten doch recht haben? Wenn es nicht gut ausgeht?

Schwer zu sagen, was genau "es" ist, das scheitern könnte – der Euro, das europäische Projekt, die Errungenschaften der Völkerverständigung auf dem Kontinent oder gar die demokratische Kultur in Europa? Die Wahl in Italien hat jedenfalls eine Phase europäischer Scheinruhe und Scheinstabilisierung beendet. Übrigens ohne dass die Börsen besonders verrückt spielen würden. Die Gründe für Pessimismus sind jetzt andere als an den panischen Höhepunkten der Krise. Sie sind weniger greifbar – und reichen tiefer.

Zwei Tendenzen wirken besonders beunruhigend. Zum einen haben mit der Italien-Wahl die Zerstörungskräfte das politische System erreicht. Sie haben die Parteienlandschaft eines europäischen Kernstaates umgepflügt. Von Irland bis Slowenien, von der Slowakei bis Portugal sind in den vergangenen Monaten Regierungen für ihre Krisen- und Reformpolitik abgewählt worden (siehe auch Seite 4/5). Aber in Italien, wo eine Protestbewegung aus dem Nichts auf ein Viertel der Stimmen gekommen ist, wo eine Art chaotisches Plebiszit gegen Rom, Brüssel und Berlin zugleich stattgefunden hat, steht das parlamentarische und staatliche Leben selbst infrage.

Auf einmal erinnert man sich, dass eine große Krise nicht einfach Wirtschaftsdaten und individuelle Schicksale betrifft, dass sie auch nicht bloß gesellschaftliche Veränderungen bewirkt, sondern dass in ihr ein katastrophales oder revolutionäres politisches Potenzial schlummert. In Griechenland sitzt neuerdings mit komfortabler Marge eine Partei im Parlament, die "faschistisch" zu nennen noch beschönigend wäre. Eigentlich erstaunlich, dass der Kommunismus bisher in keinem der Krisenländer eine Renaissance erlebt. Wie weit wird die "Systemfrage" gehen, die Europa in den nächsten Jahren gestellt bekommt und beantworten muss, wie radikal wird sie sich zuspitzen?

Die andere beklemmende Erscheinung dieser Tage ist die Verschärfung und Verfestigung des ökonomischen Kulturkampfes in Europa. Italien hat nicht einfach die Reformpolitik abgewählt, wie oft gesagt wird; es hat vielmehr "im Norden" den Grundzweifel an der Reformierbarkeit "des Südens" bekräftigt und fast schon zur Gewissheit gemacht. Vom Sozialkollaps in Griechenland über das italienische Wahlergebnis bis zu den Massenprotesten in Spanien und Portugal senden die Mittelmeerländer die Botschaft aus, dass sie mit den Erwartungen an ihre Transformationsfähigkeit überfordert sind, dass sie den Wandel nicht schaffen werden, ihn womöglich auch gar nicht wollen.

Man muss blind sein, um diese schlichte Tatsache nicht zu sehen. Und je deutlicher sich das zeigt, desto prekärer wird die Hilfsbereitschaft in Deutschland, den Niederlanden und Skandinavien werden, desto stärker die Neigung, sich als besseres, eigentliches Europa zu verstehen und entsprechend aufzutreten. Das Ressentiment der Reformopfer gegen das Ressentiment der Zahlungsunwilligen: Der Anblick dürfte auf beiden Seiten hässlich sein.

In den vergangenen Jahren sind ungeheure Mühe und gewaltige Finanzmittel in eine Rettungsstrategie investiert worden, die sich die Überwindung der Krise von einer Kombination aus Solidarität und Disziplinierung versprach. Wahlresultate wie das in Italien signalisieren, dass wir vielleicht nicht ökonomisch, aber politisch vor den Trümmern dieser Strategie stehen. Und beide Seiten, die dabei in Anspruch genommen wurden, jene, die Solidarität üben musste, und jene, die Disziplin aufgenötigt bekam, haben ein gefährliches Maß an Bitterkeit angesammelt.