Hinter der Maske – Seite 1

In den Sitzungswochen des Bundestages gibt es mittwochs bei Rainer Brüderle immer Filterkaffee aus der Thermoskanne, Biovollkornschnittchen aus dem Naturkostladen und einen Handschlag aus der guten Kinderstube. Das heißt: es gab. Seit eine stern-Reporterin aufschrieb, wie Brüderle nachts an einer Hotelbar ihre Dirndltauglichkeit würdigte, müssen sich die mal 20, mal 30 Journalisten mit einem allgemeinen "Guten Morgen" begnügen. Kaffee und Schnittchen gibt’s weiterhin, Brüderles Erläuterungen zu Politik, Parlament und dem Leben auch. "Was ist mit dem Handschlag?", wollte ein Kollege beim jüngsten Treffen wissen. Brüderle lächelte leicht gequält: "Man muss auch mal Distanz halten."

Brüderle, den die Liberalen auf ihrem Parteitag an diesem Wochenende offiziell zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl im Herbst küren wollen, ist eigentlich ein Großmeister der Nähe. Kein anderer Politiker kann so unverkrampft fröhlich mit Leuten umgehen, so unverstellt volkstümlich sein wie der Mann aus dem pfälzischen Landau. Grüßen, knuddeln, scherzen, prost! Sein Image als Weingenießer und Weinköniginnen-Küsser, als Handschüttel- und Schulterklopf-Apparat hat der diplomierte Volkswirt so lange bedient, bis hinter all der Jovialität der Machtpolitiker komplett verschwinden konnte – und der Mensch gleich mit.

Alle kennen Brüderle, den netten Nuschler von nebenan, aber keiner weiß, was er denkt, was er von wem hält, wer er ist. Nähe – für Brüderle war das immer auch eine Maske.

Nun geht Brüderle auf Distanz, und hinter der Maske wird ein tief verunsicherter Mann sichtbar. Vor allem in den ersten Tagen der von der stern-Geschichte ausgelösten Sexismus-Debatte lief Brüderle wie seine eigene Hülle durch Berlin, bleich, kraftlos, in sich gekehrt. Vertraute erzählen, wie entsetzt er darüber gewesen sei, dass ihn eine – aus seiner Sicht – harmlose Bemerkung, eine, die kaum anders war als andere, plötzlich als Sexisten brandmarkte. Wie schockiert er war, als im Internet widerliche Karikaturen auftauchten, als die Shitstorm-Meute ihn mit Beschimpfungen hetzte, die man nicht zitieren möchte. Seine Frau, so viel sagt Brüderle selbst, sei die Hauptleidtragende all dessen.

Und die Debatte will und will nicht enden. Jetzt sieht sich sogar Bundespräsident Joachim Gauck harscher Kritik dafür ausgesetzt, dass er in einem Interview von "Tugendfuror" im Umgang mit Brüderle gesprochen hat. Initiatorinnen und Unterstützerinnen des #Aufschrei auf Twitter zeigen sich in einem öffentlichen Brief "bestürzt und erschüttert" über Gaucks Äußerung. Sexismus-Debatte, die nächste Runde – dabei muss Brüderle doch die FDP retten.

Zur Sache selbst schweigt Brüderle rigoros. "Kein Kommentar", mehr sagt der sonst so Redselige nicht. Zu schweigen, um die Debatte nicht weiter anzuheizen, lautete der eine Rat, den er erhielt. Zu reden, zu sagen, dass er der stern-Reporterin Laura Himmelreich nicht habe zu nahe treten wollen, dass er es bedauere, falls das geschehen sei, der andere. Brüderle entschied sich für das Schweigen – und bat die FDP-Granden, sich ebenfalls zurückzuhalten.

Rainer Brüderles gesammeltes Schweigen hatte zwei Folgen. Zum einen widerfährt ihm, was unter Liberalen eher selten praktiziert wird: Solidarität. Die ungewöhnliche Geschlossenheit der FDP-Führung überrascht diese selbst, wie ein Spitzenliberaler einräumt. Seiner Beobachtung nach trug sie entscheidend dazu bei, dass Entsetzen und Schock bei Brüderle allmählich schwanden, seine Verunsicherung wich, die Verletzung abheilte. Zum anderen aber verlängerte Brüderles Schweigen die Debatte. Mit dem Effekt, dass er im Wahlkampf den Himmelreich-Faktor spüren wird: Wo Brüderle auftritt, denken viele das Dirndl gleich mit.

Brüderles neue Vorsicht könnte dem Wahlkampf nutzen

Brüderle gehört zum eher mutigen Politikertyp, der gern wild drauflosfabuliert, in der Hoffnung, auf halber Strecke auf einen Spruch zu stoßen, den er raushauen kann. Zu miesen Umfragewerten fällt ihm ein: "Ich habe gehört, dass die FDP jetzt eher verhaltener sei, um die Faszination des Aufschwungs zu erleben." Im Bundestag mag er es eher plump – und drischt mit Vorliebe auf den "Dosenpfand-Lümmel" Trittin ein. Die Grenze von der Parlaments- zur Büttenrede überschreitet Brüderle nicht – er rennt sie nieder.

Das ist nun vorbei, zumindest fürs Erste. Es gibt jetzt zwar keinen ganz neuen, aber einen durchaus anderen Brüderle.

Der trat erstmals auf, als Brüderle bei der jüngsten Europadebatte im Bundestag nach SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ans Rednerpult ging. Er legte es nicht mehr auf billigen Beifall aus den eigenen Reihen an, sondern auf Wirkungstreffer beim Gegner. Brüderle sprach ruhig im Ton, hart in der Sache, alles Überschäumende, das bis zum Clownesken Übertriebene war plötzlich weg. Steinbrück als "diplomatische Neutronenbombe" zu attackieren war die einzige verbale Exzentrik, die er sich leistete – und sie zeigte Wirkung.

Auch sonst traf er die SPD dort, wo es ihr wehtat: bei ihrer erlahmten Begeisterung für den sozialistischen Präsidenten Frankreichs, beim "von Gabriel umprogrammierten" Kanzlerkandidaten, bei der Diskrepanz zwischen der "hohen Staatskunst" Angela Merkels und dem, was Steinbrück sich so leiste. Brüderle hielt seine beste Rede seit Langem. Wo Rote und Grüne eben noch spöttisch abwinkten, hören sie nun hin. Nicht der Fraktionsvorsitzende sprach da, der seine nach dreieinhalb Jahren Regierungsfrust gebeutelten Abgeordneten wieder aufpäppeln muss. Sondern ein Spitzenkandidat.

Die Liberalen werden mit einem Frontmann in den Wahlkampf ziehen, der mehr Distanz wahrt und sich ernsthafter präsentiert als noch vor Wochen. Das ist der politische Kollateralnutzen der Sexismus-Debatte für die FDP. Und der persönliche für Brüderle? Dass er nun weiß, was ein 67-Jähriger an einer Hotelbar besser nicht zu einer mehr als 30 Jahre jüngeren Frau sagen sollte.

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