Zu den seltsamen, immer wiederkehrenden Ereignissen gehören die ersten Frühlingstage des Jahres und die unendliche Müdigkeit, die von ihnen ausgeht. Die Sonne, die man so sehnlichst erwartete, schlägt einen nieder wie der seit Langem Begehrte, der einem nach unendlich langem Zögern und unendlich vielen Gläsern Wein endlich in die Arme sinkt – als dann unendlich Fremder. Der Erfüllung ist selten das Glück beigemengt, von einem bestimmten Zeitpunkt an wollen wir sie gar nicht mehr, eingerichtet in dem ewigen Winter, an den wir uns einmal gewöhnt haben. Auch das Elend kann Heimat sein, auch das unerfüllte Sehnen das größte nur denkbare Glück.

Man muss, weil dies nur noch schändlich selten geschieht, an Kafkas Josef K. erinnern. Und an den Anwalt, der Josef K. den Zauber seines Berufs erklärt. Wenn man den richtigen Blick dafür habe, sagt der Anwalt, finde man die Angeklagten oft schön. Wer darin Erfahrung habe, könne aus einer riesigen Menge Menschen treffsicher die Angeklagten erkennen. Warum? Die Angeklagten seien immer die Schönsten. Nicht, weil sie schuldig seien (nicht jeder Angeklagte sei schuldig!), nicht, weil sie bestraft würden (denn nicht jeder werde bestraft!). Nein, schließt der Anwalt, es könne nur am Verfahren liegen, das ihnen anhafte. Der befreite oder verurteilte Mensch, dürfen wir ergänzen, ist der hässliche. Wer zwischen Anklage und Urteil lebt, nervös und hoffend, wer zwischen einem Vorwurf und seiner wie auch immer gearteten Bereinigung steht, ist schön. Das Schöne ist immer das Unvollkommene, das Unerfüllte, ein Zwischenreich der Angst.

Man gewöhnt sich so schnell an die vollkommene Sonne. Wer je einmal in Ländern länger weilte, in denen sie beständig scheint, weiß um die Trauer, die schlechte Laune, das gebrochene Heilsversprechen, das ihr anhaftet. Ein sicherer Quell des Unglücks ist ein Winter auf den Kanarischen Inseln oder der immerzu sonnige Sommer in Kalifornien. Es ist nun aber, wer einmal begriffen hat, dass die Schönheit nicht in der Vollkommenheit liegt, ein ziemlicher Idiot. So weit darf man die Erkenntnis niemals treiben. Sie verhindert den letzten Genuss. Wer weiß, dass die Vergeblichkeit der bestmögliche Zustand, dass die beste aller möglichen Welten ein leeres Hoffen ist, kann nicht mehr unbeschwert sein, nie wieder. Man darf sich beim Dornherausziehen nicht beobachten. Nach der Vereinigung sind alle Lebewesen unglücklich. Man darf von der Hoffnungslosigkeit des Hoffens nichts wissen, will man nicht nur schön, sondern auch glücklich sein.

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