Die alte Frankfurter Rundschau wohnt im Stadtteil Sachsenhausen, gleich neben dem Südbahnhof. Dritter Stock eines Mehrfamilienhauses. Die Ehefrau öffnet die Tür, sagt zur Begrüßung: "Der Wolfram, der war mit der Rundschau verheiratet. Wenn wir im Urlaub waren und jemand starb, telefonierte und schrieb er, egal was wir vorhatten." Dann führt sie durch den Flur ins Wohnzimmer. Diese Wohnung: Nichts als Bücher stehen in jedem Zimmer. Regale an allen Wänden, bis unter die Decke. Thomas Mann, Saramago, Goethe, Schiller, alle Gesamtausgaben. Und natürlich die Säulenheiligen, Adorno und Horkheimer.

Der Mann der Bücher kommt aus dem Nebenzimmer: Wolfram Schütte, 73 Jahre alt, hager, mit lichtem Haar und weißem Bart. 32 Jahre lang war er Feuilletonist der Frankfurter Rundschau, von 1967 bis 1999. 32 Jahre, in denen er die Koordinaten der Bundesrepublik mit ausgefochten hat, in denen er sich für seine linken Überzeugungen so gefetzt hat, dass sein Chefredakteur eine Lex Schütte erließ, die besagte: Wenn Schütte einen Kollegen angreift, muss ich vorher davon erfahren. 32 Jahre, in denen er und seine Feuilleton-Kollegen die Zeitung zu einem der großen intellektuellen Blätter hochgeschrieben haben. Die Frankfurter Rundschau, das war einmal das Intellektuellen-Organ der Linken.

Diese Zeiten sind vorbei. Die Auflage der Rundschau stürzte ab. Die Rundschau ging in die Insolvenz. Eine Geschichte des Niedergangs. Und jetzt der ideologische Tiefschlag: Ausgerechnet der alte Erzfeind, die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung, ist ihr Retter. Sie übernimmt die Rundschau und macht Frankfurt faktisch zum Ein-Besitzer-Zeitungskreis.

"Liebe Leserinnen, liebe Leser, die Frankfurter Rundschau lebt!", verkündete die Titelseite der FR am 1. März. Ja, die Rundschau gibt es weiter. Aber welche Rundschau ist das?

"Es ist nicht mehr meine Rundschau", sagt Wolfram Schütte. "Ich bekomme sie noch über einen Träger und zahle als ehemaliger Redakteur nur den Trägerlohn. Wenn der Träger mir nicht leidtäte, dann hätte ich sie schon abbestellt."

Wolfram Schütte wuchs in Frankfurt auf, die Mutter hatte gegenüber dem Südbahnhof ein Lokal. Er studierte in Frankfurt, als Adorno und Horkheimer die Frankfurter Schule begründeten, machte mit Freunden eine Filmzeitschrift, die noch linker sein sollte als die linke Filmkritik. Kurz war er bei der FAZ, als die aber einen Reporter mit einer B-52 von Guam nach Vietnam fliegen ließ und eine große Reportage druckte, kündigte er. Aus politischen Gründen, wie er sagt.

Er ging zur Rundschau, wurde zum großen Vordenker und Vorkämpfer des deutschen Films und machte mit Peter Iden, dem Theater- und Kunstkritiker, und Hans-Klaus Jungheinrich, dem Musikkritiker, ein Feuilleton, das mit Adornos philosophischem Werkzeugkasten die Kunst und die Gesellschaft auseinandernahm. "Faschistoide" Ideologien und ein konservativ-reaktionäres Weltbild, das waren die klar definierten Feindbilder.