Jedes Buch hat eine Entstehungsgeschichte. Im Fall des Buches Die Belasteten umfasst sie mehr als 30 Jahre. Im Oktober 1982 stellte Götz Aly, promovierter Politikwissenschaftler und taz-Journalist der ersten Stunde, bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einen Antrag auf ein Habilitationsstipendium. Sein Thema lautete: »Die Entwicklung wissenschaftlicher Maßstäbe zur Begutachtung und Tötung behinderter deutscher Kinder in den Jahren 1939–1945. Vorschlag zur Aufhellung eines Tabus«. Nach einem langwierigen Verfahren, in dem der Hauptausschuss und ein Obergutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft bemüht wurden, lehnte diese den Antrag schließlich ab. Zwei der drei Gutachter, die Zeithistoriker Eberhard Jäckel und Karl Dietrich Bracher, hatten zwar den Forschungsentwurf befürwortet, die fachliche Qualifikation des Bewerbers allerdings angezweifelt.

Doch der ließ sich nicht entmutigen. Als Forscher, Publizist und Mitherausgeber der Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik gehörte Aly bald neben Klaus Dörner, Ernst Klee und Karl Heinz Roth zum Kreis derjenigen, die die Erforschung der Krankenmorde im Nationalsozialismus wesentlich anschoben. Aus der geplanten großen Studie wurde aber zunächst nichts. Es waren Bücher wie »Endlösung« und Hitlers Volksstaat, mit denen Aly seit den neunziger Jahren zum Bestsellerautor aufstieg. Erst jetzt hat er sich wieder dem Thema der NS-»Euthanasie« zugewandt und die Manuskripte gesichtet, die er im Lauf der Jahrzehnte darüber verfasst hat. In seinem »dokumentarischen und inhaltlichen Kern« erschien dem Autor das Material bei der Re-Lektüre so »frisch und überzeugend«, dass er es nun in Form einer Monografie vorlegt.

Götz Aly hat die alten Texte (zentral sind die Aufsätze Medizin gegen Unbrauchbare und Der saubere und der schmutzige Fortschritt von 1985) überarbeitet, gekürzt, ergänzt und zusammengefügt. Den Leser erwartet demzufolge nichts grundlegend Neues, sondern eine Zusammenschau der wesentlichen Aspekte der NS-Krankenmorde: der »Aktion T4« genannte Ermordung von erwachsenen Anstaltspatienten; der nach dem offiziellen Stopp der Morde im August 1941 dezentral in den Heil- und Pflegeanstalten durchgeführte sogenannte »wilde Euthanasie«; der bereits 1939 begonnene »Kindereuthanasie«, der Aly breiten Raum einräumt.

Weitere Kapitel befassen sich mit »T4 in Berlin«, mit dem Mord an Anstaltsinsassen in Polen und der Sowjetunion, mit der wissenschaftlichen Forschung an den Opfern sowie mit der allmählichen Ausweitung des Opferkreises auf »Asoziale«, Kriminelle und Tuberkulosekranke. Der immer häufiger erhobenen Forderung, die Opfer im Nachhinein aus der Anonymität zu befreien und ihnen Namen und Stimme zu geben, schließt Aly sich engagiert an und druckt in drei Zwischenkapiteln Selbstzeugnisse der Opfer und Schilderungen Dritter über die Ermordeten ab. Einen systematischen Abschnitt zur Ideengeschichte der »Euthanasie« und zur Rolle von Eugenik und Rassenhygiene liefert er nicht.

Eingangs legt Aly offen, dass ihn das Schicksal seiner Tochter, die kurz nach ihrer Geburt 1979 eine Gehirnentzündung erlitt und seither behindert ist, zu dem Thema »Euthanasiemorde« geführt hat – und er kann einige bizarre Episoden erzählen, in denen die Atmosphäre der achtziger Jahre greifbar wird: Der ehemalige Oberarzt in der Universitätskinderklinik Heidelberg, Gottfried Bonell, von dem Aly im Kontext der »Kindereuthanasie« berichtet, begutachtete Jahrzehnte später als betagter Kinderarzt in West-Berlin die kleine Karline Aly »in durchaus freundlicher Weise und befürwortete eine hohe Stufe des Hilflosenpflegegeldes«.

Auf der Suche nach der berüchtigten »Sammlung Hallervorden«, in der Gehirne von »Euthanasie«-Opfern zusammengetragen worden waren, wurde Aly in Frankfurt bei der Max-Planck-Gesellschaft fündig, die zuerst bestritt, über die grausige Hinterlassenschaft zu verfügen. Als man dem beharrlichen Forscher schließlich doch Einsicht gewährte, stieß der auf weitere Hindernisse. Einige Akten waren nachträglich gesäubert worden, die interessantesten Unterlagen verbargen sich hinter Holzverschalungen im Flur, die Aly zunächst abschrauben musste.

Nun wäre Götz Aly nicht Götz Aly, wenn er sein Buch nicht auf ein zentrales Argument hin ausrichtete. Wiederholt äußert er seine »Skepsis gegenüber all jenen, die aus Einzelfällen ableiten, es habe einen starken gesellschaftlichen und familiären Widerstand gegen die Morde an psychisch Kranken und Behinderten gegeben«. Mehr noch: »Viele Deutsche befürworteten den gewaltsamen Tod der ›nutzlosen Esser‹, zumal im Krieg, nur wenige verurteilten das Morden deutlich, die meisten schwiegen schamhaft, wollten es nicht allzu genau wissen.«

Die Deutschen kümmerte das Schicksal der Anstaltspatienten herzlich wenig

Wo Verwandte in Kontakt zu den Anstaltsinsassen blieben, erhöhte das deren Lebenschancen, argumentiert Aly. Proteste gegen die Verlegung von Patienten waren oft erfolgreich, doch vielfach gab es keinen Protest, oder der Kontakt der Patienten zu ihrer Familie war längst abgebrochen, als sie ermordet wurden. Aly zitiert den zeitweiligen ärztlichen Leiter der »Aktion T4«, Professor Werner Heyde, der 1941 die Reaktion auf die Krankenmorde nüchtern einschätzte: »In 80 Prozent der Fälle sind die Angehörigen einverstanden, 10 Prozent protestieren, 10 Prozent sind gleichgültig.«

Aly steht mit diesen Hinweisen nicht allein. Auch andere Forschungen zeigen, dass es bei den Angehörigen ein breites Spektrum von Reaktionen gab zwischen Protest und Erleichterung über das Ende eines Leidens. Anschaulich schildert Aly, wie in Hamburg Ärzte vielen Eltern das Einverständnis zur Tötung ihres behinderten Kindes abrangen, indem sie ihnen die Möglichkeit einer »mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich endenden, vielleicht jedoch hilfreichen Therapie« eröffneten.

Leider zieht Aly sein Argument so weit in den Vordergrund, dass dahinter Gegenläufiges zu verschwinden droht. Zwar stellt er auch den öffentlichen Protest des Münsteraner Bischofs von Galen gegen die Krankenmorde dar sowie die Furcht des Regimes vor Unruhe in der Bevölkerung. Insgesamt aber, so betont Aly immer wieder, kümmerte die Deutschen das Schicksal der Anstaltspatienten herzlich wenig. Zwar differenziert er durchaus zwischen Angehörigen und Gesellschaft, zwischen Belastung, Passivität, Desinteresse und Gewissensnot, am Ende aber begradigt Aly die Interpretation wieder. Millionen Deutsche, so schreibt er, gingen hinsichtlich der Krankenmorde »ein uneingestandenes, nirgends dokumentiertes und das Gewissen erleichterndes Komplizentum« mit dem Regime ein.

Und er treibt sein Argument noch weiter. Der oft beschriebene Zusammenhang zwischen »Euthanasie« und »Endlösung« bestehe nicht nur darin, dass Mordmethode und Personal der »Aktion T4« für die ersten Vernichtungslager übernommen wurden. Es sei die passive Duldung des Krankenmordes durch die Deutschen, die das NS-Regime zum organisierten Mord an den Juden geradezu ermutigt habe: »Weil die Deutschen den Mord an den eigenen Volksgenossen hinnahmen, gewannen die führenden Politiker die Zuversicht, sie würden auch größere Verbrechen ohne bedeutenden Widerspruch passieren lassen.«

Wenn Aly mit solchen Überspitzungen auf Widerspruch stößt, wird ihn das nicht überraschen. Viele deutsche Zeithistoriker sieht er ohnehin »im eigenen Saft ersticken – publikumsscheu, gedankenarm und immer auf der Suche nach Drittmitteln und Druckkostenzuschüssen«. Und nicht nur das: Bei der Überarbeitung seiner alten Publikationen habe er zudem bemerkt, dass andere Forscher in den drei vergangenen Jahrzehnten »allerhand daraus abschrieben oder die Texte plünderten«. Aly zeigt sich wütend, wenn ein Autor offenbar einen seiner Texte nicht zur Kenntnis genommen hat, ärgerlich ist er, wenn in einem neuen Forschungsbericht über die NS-»Euthanasie« seine wegbereitenden Studien der achtziger Jahre nicht genannt werden.

Dass die Gutachter Jäckel und Bracher, wie Aly jetzt aus den DFG-Akten recherchierte, vor gut 30 Jahren sein Forschungsvorhaben zwar als lohnend befanden, den Forscher aber skeptisch beäugten, muss Aly rückblickend wie ein Vorzeichen erscheinen. Mit umso mehr Genugtuung kann er den dritten Gutachter zitieren. Der Politologe Klaus Jürgen Gantzel war seinerzeit überzeugt, »daß wir es hier mit einem Nachwuchswissenschaftler zu tun haben, der nicht ohne Weiteres den üblichen Vorstellungen von wissenschaftlicher Karriere entspricht und bisher eigenwillige, jedoch durchaus sachgerechte Methoden verwendete. Ich sehe hier ein innovatives Forscherpotential, das gefördert werden sollte.«