Man könnte meinen, die USA und China seien Rivalen. Glaubt man den gegenseitigen Beschuldigungen, attackieren sich die beiden Länder gerade regelmäßig, indem sie Hacker auf die digitalen Netze und Datenbanken der Gegenseite ansetzen: auf Medien, Rüstungsfirmen, Militäreinrichtungen. Präsident Obama hat im Außenhandel einen harten Kurs gegenüber China eingeschlagen. Regelmäßig lässt er seine Beauftragten bei der Welthandelsorganisation Beschwerden einreichen; die USA belegen Solarzellen, Reifen und Hühnerbeine mit Strafzöllen. China revanchierte sich mit Kreditkartensperren für US-Anbieter und einer Exportbeschränkung für seltene Metalle.

Doch der Eindruck zweier unversöhnlicher Konkurrenten trügt. In Wirklichkeit sind Amerika und China seit der Öffnung des asiatischen Riesen in den siebziger Jahren langsam, aber stetig wirtschaftlich enger zusammengewachsen. Die US-Konsumenten sind für chinesische Produzenten die wichtigsten Abnehmer geworden. Im vergangenen Jahr stiegen in den USA die Importe aus China erneut: auf insgesamt 425 Milliarden Dollar, ein Anstieg von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr, und das trotz der lahmen Erholung der amerikanischen Wirtschaft. Zwanzig Prozent aller Importe in den USA entfallen auf China. (Aus Deutschland beziehen die Amerikaner immerhin Waren im Wert von 100 Milliarden Dollar, das entspricht knapp fünf Prozent der Importe.)

Umgekehrt kauft Peking US-Staatsanleihen. Inzwischen hält die People’s Bank of China, Chinas Zentralbank, Papiere im Wert von knapp 1,2 Billionen Dollar. China wurde zwischenzeitlich zum größten Auslandsgläubiger der USA. Erst seit Kurzem bemüht sich die chinesische Zentralbank, ihre Rekordbestände an US-Staatsanleihen zu beschränken.

Zwischen den beiden führenden Volkswirtschaften der Welt entwickelte sich also eine Symbiose: Die Amerikaner konsumieren, die Chinesen sparen. Billige Arbeitskräfte in China produzieren billige Güter, die die Preise für den amerikanischen Konsumenten niedrig halten. Das treibt in China die Konjunktur an und bremst in den USA die Inflation. Mit ihren Staatsanleihekäufen machten die Chinesen es den Amerikanern außerdem möglich, sich zu verschulden, ohne dass die Zinsen explodierten.

Für dieses Verhältnis prägte der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson den Begriff "Chimerica". Er warnte auch vor den Folgen, wenn sich diese gegenseitige Abhängigkeit plötzlich auflöste und aus den Partnern tatsächlich Rivalen würden. Die Finanzkrise schien der Auftakt für solch ein Szenario. Die Kreditblase in den USA platzte, der Konsum ging zurück, damit auch die Einfuhr chinesischer Waren, und das wiederum dämpfte das chinesische Wachstum.

Doch Chimerica zeigt fünf Jahre später keine Anzeichen, sich aufzulösen. Sicher streuen die Chinesen ihre internationalen Aktivitäten breiter und drohen hin und wieder damit, den Dollar als Leitwährung abzulösen. Doch jenseits der Politik sieht es anders aus. Chinas Wirtschaft verabschiedet sich langsam, aber sicher von der Rolle der "verlängerten Werkbank" des Westens. Löhne und Lebensstandard steigen. Es entsteht ein heimischer Markt, der das Land – sollte es politisch stabil bleiben – in die nächste Wachstumsphase bringen könnte.