Auf dem Konferenztisch in Heiner Kochs altem Büro liegen, warum auch immer, vier Karten mit den Namen von Städten: Düsseldorf, Köln, Dresden, Leipzig. Die Stationen seines Lebens. In Düsseldorf ist Koch 1954 geboren, dort war er Priester. In Köln wurde der promovierte Theologe zu Höherem berufen, zum Weihbischof. Von nächster Woche an ist er der neue Bischof von Dresden-Meißen. Dann beginnt für ihn ein anderes Leben: Zum Erzbistum Köln zählen zwei Millionen Katholiken, Dresden-Meißen hat kaum 150.000. Und mit einigen von Kochs Ämtern kann man in Dresden wohl wenig anfangen: Er ist Bundespräses der Schützenbruderschaften, zudem begeisterter Karnevalist. Schießen in Gottes Namen und Kamelle-Exzesse sind der Volkskultur des Ostens fremd. Zum Atheisten-Schreck taugt Koch indes nicht – schon weil er so freundlich auftritt. Er ist der letzte Bischof, den Benedikt XVI. ernannte.

DIE ZEIT: Sie wechseln aus dem tiefkatholischen Köln in eine Region, in der nur jeder 25. Bewohner katholisch ist. Als Sie die Nachricht bekamen, Bischof von Dresden zu werden, haben Sie das spontan als Belohnung oder als Strafe empfunden?

Heiner Koch: Weder noch. Ich war sprachlos. Als der Anruf des Dresdner Domkapitels kurz vor Weihnachten kam, habe ich mich zunächst in eine Kapelle zurückgezogen. Dann bin ich in eine Buchhandlung gegangen und habe mir Bücher über Sachsen und Dresden gekauft. Die ganze Nacht habe ich gelesen. Seitdem bin ich dreimal nach Dresden gefahren.

ZEIT: Können Sie schon ein paar Worte Sächsisch oder gar Obersorbisch?

Koch: Nu, freilich.

ZEIT: Das ist ausbaufähig. Man merkt, Sie haben Ihr ganzes Leben im Rheinland verbracht. Wie gut kennen Sie eigentlich den Osten?

Koch: Ich kenne einige Seelsorger aus dem Osten, kann aber nicht behaupten, dass mir die Region vertraut ist.

ZEIT: Ihr bisheriger Chef, Kardinal Meisner, war vor der Wende in Erfurt und Ost-Berlin. Hat er Ihnen ein paar Tipps gegeben, wie der Ossi tickt?

Koch: Das Wort "Ossi" lehne ich ab. Ich sehe mich auch nicht als Wessi, wohl aber als Rheinländer. Der Kardinal hat mir klugerweise nichts geraten. Er ist zwar auch geprägt von seiner Zeit in der DDR, aber unser aller Leben hat sich im letzten Vierteljahrhundert sehr verändert. Ich möchte nicht voreingenommen in mein neues Bistum gehen.

ZEIT: Die DDR wollte Gott aus der Gesellschaft entfernen. Hat sie es geschafft?

Koch: Gott ist nicht verschwunden, Gott zieht sich nicht zurück. Vielen Menschen aber ist in der früheren DDR die Verbundenheit mit der Kirche völlig abhandengekommen. Religiosität als Grundzug und Frage des Menschen habe ich mehrfach erlebt. Unter solchen Umständen verflüchtigt sich auch der spezifisch christliche Glaube, aber die Frage nach dem Sinn des Lebens oder nach der Ewigkeit ist da, manchmal wohl verborgen. Als ich nach meiner Ernennung mit dem Auto durch Sachsen fuhr, lag die Landschaft unter einer tiefen Schneedecke. Ich habe mich gefragt: Was mag darunter zum Vorschein kommen? Aber auch: Was mag in den Menschen hier verborgen sein? Ich muss nicht Gott nach Dresden bringen. Er ist schon da.

ZEIT: Der Chef einer ostdeutschen Frauenklinik wurde mit dem Satz zitiert: "In der DDR gingen die Frauen zur Abtreibung wie anderswo zum Friseur." Wie wollen Sie da erklären, was Lebensschutz ist?

Koch: Die christliche Kernbotschaft lautet: Es gibt einen guten Gott, der mich geschaffen hat, der mich am Leben erhält und der mich auch im Tod nicht alleinlässt. Dieser Glaube hat ethische Konsequenzen, auch fürs ungeborene Kind. Aber ich will nicht damit beginnen, den Menschen erst die ethischen Konsequenzen aufzuzeigen, ohne dass sie die Begründung im Glauben kennen. Ich werde ihnen von Gott erzählen. Und ich werde ihnen zuhören und aufnehmen, was sie mir über Gott in ihrem Leben berichten werden. Bei meinen ersten Begegnungen ist mir schon deutlich geworden, dass vieles nicht so ist, wie wir uns das im Westen vorstellten.

ZEIT: Was zum Beispiel?

Koch: 80 Prozent der Menschen im Bistum Dresden sind nicht getauft. Mir hat Ministerpräsident Tillich bei unserem ersten Gespräch geraten: "Sagen Sie bloß nicht, dass diese Menschen Atheisten sind." Er hat recht. Ich habe in Dresden ein großes Interesse am Glauben und an der Kirche erlebt. Die Menschen haben oft viel fundamentalere Fragen als im Rheinland, wo der Katholizismus – manchmal recht oberflächlich – noch eine große Selbstverständlichkeit besitzt. Und doch stehen wir vor großen Herausforderungen. Beim Stadtbummel traf ich ein altes Ehepaar. Die beiden sagten: "Wir können uns nicht entsinnen, dass in unserer Familie einmal ein Christ war." Da merkte ich: Ich fange in Dresden ganz neu an.