DIE ZEIT: Herr Spahn, wie schwul ist die CDU?

Jens Spahn: Sie bildet als Volkspartei die Gesellschaft ab – also nicht mehr und nicht weniger als ebendiese.

ZEIT: Aber sie ist deutlich schwulenskeptischer.

Spahn: Nein. Es gibt in Deutschland insgesamt noch viele Menschen, die sich mit der Gleichstellung von Schwulen und Lesben schwertun, einfach, weil sie es über Jahrzehnte anders erlebt haben. Ich respektiere das. Gleichzeitig kann unsere Debatte helfen, diese Menschen zu einer größeren Offenheit zu bewegen.

ZEIT: Vor einer Woche sah es so aus, als werde die CDU den eigenen Parteitagsbeschluss kippen und sich für die völlige Gleichstellung von Schwulen und Lesben aussprechen. Dann folgte die Rolle rückwärts. Was hat dafür den Ausschlag gegeben?

Spahn: Vielleicht wollte man auf diejenigen CDU-Mitglieder Rücksicht nehmen, die dem Thema immer noch sehr skeptisch gegenüberstehen. Mir ist das zu verzagt. Viele unserer Wähler sind viel weiter. Ich habe vor wenigen Tagen eine E-Mail von zwei 80-Jährigen Eltern eines jungen Mannes bekommen, der mit seinem Mann in einer Lebenspartnerschaft lebt. Die schrieben, dass sie als Stammwähler der Union unsere Debatte gar nicht verstehen. Es wird immer so getan, als ginge es nur um eine kleine Gruppe von Betroffenen. Aber all diese Menschen haben Freunde, Familien, Eltern, die sich sehr daran stören, mit welcher Wortwahl da manchmal diskutiert wird und welche Gegensätze da aufgebaut werden. Es wird ja keine Ehe weniger geschlossen und kein Kind weniger geboren, wenn wir Lebenspartnerschaften steuerrechtlich gleichstellen.

ZEIT: In der CDU sind Sie einer der engagiertesten Verfechter der Gleichstellung von Schwulen und Lesben. Was werden Sie jetzt tun?

Spahn: Die Debatte ist nicht zu Ende. FDP und CSU machen gerade in Bayern die Erfahrung, dass man bei einem hochpolitischen Thema wie Studiengebühren eine Abstimmung auch freigeben kann, ohne dass dies das Ende der Koalition bedeutet. In Großbritannien haben die Konservativen das auch bei der Abstimmung zur gay marriage so gemacht. Von beiden Beispielen könnten wir lernen.

ZEIT: Sie gehen davon aus, dass die CDU sich bewegen wird, bevor das Verfassungsgericht im Sommer über die Homo-Ehe urteilt?

Spahn: Ich werbe jedenfalls in allen internen Diskussionen dafür. Und ich halte es für schwierig, von der Opposition im Bundestag Woche für Woche in Abstimmungen getrieben zu werden und dann gegen die eigene Überzeugung – und gegen ein Urteil des Verfassungsgerichts! – stimmen zu müssen. Als Regierungspartei haben wir einen Gestaltungsanspruch, den wir auch umsetzen sollten.

ZEIT: Warum ist die Homo-Ehe für die CDU so viel schwieriger zu akzeptieren als der Atomausstieg oder die Abschaffung der Wehrpflicht?

Spahn: Weil es hier mehr als bei allen anderen Themen um die Werte geht, die uns verbinden und tragen, und darum, wo und wie diese Werte gelebt werden. Das berührt das Grundverständnis einer christlich-demokratischen Volkspartei, und das ist auch richtig so. Ich glaube nicht, dass uns die Diskussion über die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften schadet – wenn man sie richtig führt, mit der nötigen Sensibilität und klugen Argumenten, nicht nur mit Befindlichkeiten. Wenn Schwule und Lesben sich die gleiche Verbindlichkeit und Sicherheit wie in einer Ehe für ihre Partnerschaft wünschen, dann ist das eine Bestätigung des christlich-bürgerlichen Lebensmodells und eben kein Gegenentwurf.

ZEIT: Womöglich ist die Bevölkerung einfach noch nicht so weit, wie Sie glauben. Womöglich wollen viele Bürger einfach nicht, dass Schwule und Lesben Kinder adoptieren dürfen.

Spahn: Dass homosexuelle Lebenspartner vom Finanzamt genauso behandelt werden sollen wie ein heterosexuelles Ehepaar, ist schon deswegen logisch, weil sie auch die gleichen Pflichten, etwa beim Unterhalt, haben. Da finden Sie auch vor Ort schnell Akzeptanz. Bei der Adoption dagegen tun sich viele, auch bei der SPD oder den Grünen, noch sehr schwer. Wenn man in der Debatte aber letztlich konsequent das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt stellt, dann bin ich überzeugt, dass auch hier Bewegung möglich ist.