Im Juni letzten Jahres hatte eine gewisse Siobhan O’Callaghan auf der Polizeiwache des Provinznests Gort im Westen der irischen Grafschaft Galway eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Die Öffentlichkeit bekam davon nichts mit. Das änderte sich abrupt, als eine gewisse Miss Vallely und ihr Freund Peter Rehill Ende Januar 2013 auf einer von Dornengebüsch gesäumten Landstraße im Grenzland zu Großbritannien eine abgerissene Gestalt entdeckten. Der Mann schützte sich mit einem schwarzen Müllsack gegen die Witterung. Das Paar hielt an.

"Es war nicht gut bestellt um ihn", erinnert sich Mr Rehill. Das Haar fiel ihm wirr in die Stirn, seine Fingernägel waren lange nicht mehr geschnitten worden. Er schien keine Ahnung zu haben, wo er sich befand, wie spät es war und welches Datum man schrieb. Der Mann erklärte, drei Personen hätten ihn durch die Hintertür eines Lieferwagens auf die Straße geworfen.

Das Paar brachte ihn zur nächsten Wache. Am nächsten Tag stand in sämtlichen irischen Zeitungen, dass Kevin McGeever, ein 68-jähriger Multimillionär, vermutlich von der IRA im Auftrag der russischen Mafia gekidnappt worden sei. Mit Berufung auf seinen Bruder, der ihn im Krankenhaus besuchte, berichteten sie, die Entführer hätten ihn acht Monate lang in einem Transportcontainer festgehalten und sich nur schriftlich mit ihm verständigt. Mit Zetteln, auf denen beispielsweise gestanden habe: "In zwei Tagen machen wir dich kalt." Sie hätten ihm eine Pistole an die Schläfe gesetzt, woraufhin er geantwortet habe: "Ich habe Frieden mit meinem Herrgott geschlossen. Ich bin bereit."

Auf den dazu abgedruckten Bildern aus dem Archiv sah ein sehr irisch und sehr charmant aussehender Herr mit ausgeprägten Lachfältchen den Leser an. Auf anderen Fotos posierte McGeever mal neben einem Hubschrauber mit den Initialen seiner Investmentfirma KMM und mal in Lederjacke vor einem teuren schwarzen Geländewagen. Ein Sandwich am Tag habe ihm als Nahrung genügen müssen, hieß es. Als seine Peiniger ihn freiließen, hätten sie ihm zuvor das Wort Dieb in die Stirn geritzt. Das Bezirkskrankenhaus, in das er eingeliefert wurde, hieß es weiter, habe der Polizei mitgeteilt, an Foltermalen an Handgelenken und Zehen sei ersichtlich, dass der total dehydrierte und ausgezehrte Mann längere Zeit gefesselt gewesen sei. Er selber habe den Polizisten berichtet, er sei geschlagen worden und habe Knochenbrüche erlitten; seine Folterer hätten ihm Bilder anderer Leute gezeigt, die sie umgebracht hätten.

Manches stellte sich als übertrieben heraus. Das Wort Dieb war nicht eingeritzt, sondern stand mit wischfester Tinte auf seine Stirn geschrieben. Der Polizei kam die Sache seltsam vor. Der in Gort die Ermittlungen leitende Kommissar Pat Murray sagt, für einen Mann seines Alters, der acht Monate in einem Bunker gefangen gehalten worden sei, habe sich McGeever – der Kommissar tut sich keinen Zwang an, ihn beim Namen zu nennen – in einem bemerkenswert guten Zustand befunden. In einem Bunker? Ja, erklärt er, in McGeevers Aussage gegenüber der Polizei habe es sich bei seinem Verlies um einen lichtlosen Keller gehandelt, nicht um einen Container.

Den Kriminalbeamten hat man in der Krise die Bezüge gekürzt

Die Polizeiwache Gort war vor dem Abzug der Briten und der irischen Unabhängigkeit 1921 Teil einer königlichen Garnison gewesen. Drinnen herrscht ein Blues wie seit damals nicht mehr. Den Konstablern und Kriminalbeamten wurden kürzlich zwanzig Prozent ihrer Bezüge gestrichen. Jetzt will ihnen die Regierung im Rahmen der radikalen Sparpolitik weitere zehn Prozent nehmen. Ein Kollege Murrays sieht aus, als sei seine Kleidung schon viel zu oft durch die Wäsche gegangen. So steht auch für zähe Ermittlungen nicht allzu viel Geld zur Verfügung. Das öffentliche Interesse am Fall McGeever sei enorm, sagt der Kollege, wenn auch das Opfer kaum Sympathien genieße.

Um zu verstehen, warum, fährt man am besten eine halbe Stunde landeinwärts nach Craughwell. Das ist eine 300-Seelen-Gemeinde, die über ihre Grenzen hinaus nur Liebhabern der Fuchsjagd bekannt ist als der Ort, in dem die Hundemeute der berühmten Galway Blazers in ihren Zwingern heult.

Nach dem Weg zu McGeevers Haus befragt, lächelt der Kassierer der Tankstelle gegenüber der Gemeindekirche Saint Colman vielsagend und macht eine lange Pause. Dann sagt er zwinkernd, er hoffe, der Hausherr werde seinem Besucher eine Tasse Tee anbieten.

Beim weiteren Durchfragen begegnet einem dieses Lächeln immer wieder. Der Hauptverkehr auf dem von Pfützen und Schlaglöchern übersäten Sträßchen, das sich von Craughwell durch hügeliges Weideland nach Norden windet, besteht aus Traktoren und schlammverspritzten Geländewagen. Rechterhand zweigen vom Regen aufgeweichte Hofeinfahrten ab, links reiht sich eine Villa an die andere. Riesige Bauten, manche mit ionischem Säulenvorbau, andere in amerikanischem Vorstadtrosa gehalten, ein Mischmasch aller denkbaren Stile, von Tudor über georgianisch bis hin zum viktorianischen Landhaus, Hauptsache, protzig. Die meisten stehen leer, manche sind erst halb fertig, in den Mischmaschinen ist der Mörtel eingetrocknet.

Nach drei Kilometern ragt hinter einer Wegbiegung ein Haus auf, das größer ist als alle zuvor – ein aus Sandstein errichteter, fürstlicher Landsitz. Die gepflasterte Torauffahrt führt in großem Bogen vor den Eingang unter die eingemeißelte Jahreszahl 2005. Der in Rot und Gold verzierte schmiedeeiserne Zaun fasst den im französischen Stil verschnörkelten Lustgarten ein. Dahinter ragt das viktorianische Gewächshaus auf. Neben der Pforte steht der Name des Anwesens: Nirvana. Nichts rührt sich. Die Gardinen sind vorgezogen.