Der Star ist schon wieder weg, zurück bleiben das Fußvolk und die Statthalter. Beppe Grillos Gastspiel war nur ein kurzes, als sich die 163 neuen Parlamentsabgeordneten seiner Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) in einem schlichten Hotel in Rom versammelten. Er schwor seine Leute auf die politische Linie ein: keine Unterstützung für eine Regierung der linken Mitte. Die Sozialdemokraten (PD) haben zwar die Wahl gewonnen, aber nicht die Mehrheit im Senat. Sie haben Grillo Angebote gemacht, ein Regierungsprogramm vorgelegt, das dem der M5S bis ins Detail ähnelt. Vergebens. Grillo will keine Zusammenarbeit, er will zusehen, wie die alte politische Klasse von allein zerbröselt. Eine Frage von Monaten, wie er glaubt.

Nach einer knappen Stunde verschwand der Wortführer der Fünf Sterne wieder, durch einen Hinterausgang des Hotels, wie eine Hollywood-Diva auf der Flucht vor Paparazzi. Journalisten und Kameramänner prügelten sich fast um Grillo, es gab Verletzte. Grillo schwieg zu allem, klemmte sich mühsam in ein Auto und ließ sich wegbringen. Raus aus dem Chaos, weg aus Rom, in seine Villa mit Meerblick über Genua. Dort wird er sich in seinem Erfolg sonnen, weiter die Revolution predigen und seinen Garten bewirtschaften, die Kärrnerarbeit im Parlament müssen andere erledigen. Grillo konnte nicht kandidieren, weil er nach einem Autounfall wegen fahrlässiger Tötung vorbestraft ist. Er wollte auch nicht. Das Parlament interessiert ihn nicht. Er überlässt es dem Fußvolk, das in Rom zurückbleibt. Im fensterlosen Versammlungssaal des Hotels mit seinem abgetragenen beigen Teppich und der verbrauchten Luft beraten die Grillini, wie sie Politik machen. Für den Chef, aber ohne ihn. Um sie kümmern sich Vito Crimi und Roberta Lombardi, die Statthalter.

Gerade sind sie zu Fraktionsvorsitzenden gewählt worden, Crimi im Senat, Lombardi in der Abgeordnetenkammer. Zwei Vierzigjährige, er arbeitet als Gerichtshelfer, sie ist studierte Juristin, er stammt aus Sizilien, sie aus Rom. Crimi wirkt gemütlich, Lombardi eher streng. Beide sind für drei Monate gewählt, es gilt das Rotationsprinzip.

Ragazzi nennt Senator Crimi seine Kollegen, die ihn jetzt aufgeregt mit Fragen bestürmen. Keiner hat das Parlament bislang von innen gesehen. "Kinder, einer nach dem anderen. Jeder kommt dran, fasst euch kurz." Nächste Woche ist Parlamentseröffnung, der Alterspräsident hat schon erklärt, er bestehe auf Jacke und Krawatte. Die Grillini maulen. "Kommt bitte pünktlich", sagt Crimi. "Ihr werdet sehen, sie rollen euch einen roten Teppich aus." Gelächter und die nächste Frage. "Ja, ihr könnt Büromitarbeiter einstellen", erklärt Roberta Lombardi. "Aber keine Ehepartner und auch nicht eure Geliebte. Wir müssen sauber bleiben." Jetzt lacht niemand mehr.

Für die Bewegung, aus der gerade eine Partei wird, ist Lombardi das erste große Problem. In ihrem Blog hat sie geschrieben: "Vor seinem Niedergang hatte der Faschismus einen sehr ausgeprägten Sinn für den Staat und den Schutz der Familie." Die italienischen Neofaschisten, so Lombardi, seien übrigens auch eigentlich keine Faschisten mehr, nur "Folkloristen, Rassisten und Schläger". Lombardi will ihre Thesen als "historische Analyse" verstanden wissen. Und sie will sich dafür nicht rechtfertigen.

Die Fraktionschefin verkörpert den Jakobiner-Flügel der Fünf Sterne. Die Jakobiner fühlen sich berufen, Italien umzuerziehen. Sie pflegen eine martialische Sprache, ihr Wortführer ist Beppe Grillo. In ihren Augen sind die Traditionen der Politik längst pervertiert, die Parteien allesamt korrupt und die Journalisten ausnahmslos Lakaien. Für die Jakobiner bilden sie gemeinsam eine volksschädigende "Kaste" der Parasiten, die der Tsunami Grillo jetzt endlich wegreißt. Dabei hat den Begriff der Kaste nicht etwa Grillo erfunden. Es waren Journalisten des bürgerlichen Corriere della Sera, die in mühsamer Recherchearbeit die Privilegien der Politik entlarvt haben.

Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Der inzwischen erstaunlich humorlose Exkomiker Grillo und seine Jakobiner fühlen sich als Strafgericht der lang frustrierten Gerechten im Land, eine Verteidigung ist nicht vorgesehen. "Wir machen keine Kompromisse", sagt Fraktionschefin Lombardi.

Doch in der Bewegung gärt es. Nicht alle sind einverstanden mit dem kompromisslosen Kurs der Führung. Eine Petition für die Zusammenarbeit mit der sozialdemokratischen PD und deren Chef Pier Luigi Bersani brachte es auf 155.000 Unterschriften. Auf Beppe Grillos Blog häufen sich die kritischen Kommentare der Wähler. "Beppe, ich habe euch gewählt, damit ihr euer Programm realisiert", schreibt einer. Das gehe nur in Zusammenarbeit mit Bersani. Ein anderer merkt an: "Ihr seid all euren Wählern verpflichtet, nicht nur Beppe Grillo."

Viele Grillini interessieren sich nicht für die Abrechnung mit der politischen Klasse, sie wollen schlicht Politik machen. Sie sind Umweltschützer oder kommen aus der Pfadfinderbewegung wie Senator Vito Crimi, der die M5S nachsichtig "eine Horde Verrückter" nennt. Und sie ahnen, dass Politik nicht ohne Kompromisse geht, wie sie auch nach dem Wahlsieg in Parma gemacht werden müssen. Dort wollten die Fünf Sterne mit aller Macht eine geplante Müllverbrennungsanlage verhindern. Inzwischen läuft die Anlage. Ein weiteres Wahlversprechen, die kostenlose Kindertagesstätte für alle, war schon früher stillschweigend kassiert worden.

Ob die Fünf Sterne ein Tugendverein werden, der seinem entrückten Guru Grillo aufs Wort gehorcht, oder eine Partei der Bürgerinitiativen, das wird sich bald zeigen. Hinter den Kulissen ist der Kampf schon eröffnet. Als Vito Crimi im römischen Hotelsaal ganz bedächtig erklärte, eventuell sei das Programm einer parteilosen Expertenregierung zu prüfen, wurde er Stunden später aus der Villa am Meer zurückgepfiffen. "Niemals!", donnerte Beppe Grillo. Keine Unterstützung, auch nicht für Techniker. Nur totale Verweigerung.